Veröffentlicht in Alltag, Früher, Musik

Früher war alles besser! Oder etwa nicht?

Auf meiner Federtasche (die eigentlich eine kleine Kulturtasche ist, aber darum soll’s jetzt hier nicht gehen) befindet sich ein Button mit dem Aufdruck „Früher war alles besser“. Aus einer Laune heraus habe ich mir diesen vor einiger Zeit gekauft. Ganz genau weiß ich auch nicht, was mich dazu trieb. Aber das ist offensichtlich einer der Sprüche, mit denen fast jeder sich identifizieren kann. Komisch genug, aber Freunde, Kommilitonen oder mir gänzlich unbekannte Menschen haben mich schon in Vorlesungen auf diesen Button angesprochen: „O ja, wirklich, früher war tatsächlich alles besser! Da gab’s noch kein Internet und keine Smartphones! Und hat uns das als Kind gefehlt ? Nein! Wir haben noch Kassetten gehört und draußen gespielt!“ Die meisten Kommentare gingen in diese Richtung. Kaum einer, der protestierend die Gegenwart als viel bessere Zeit verteidigte. Woran mag das liegen? Ich glaube, wir haben es hier mit einem Fall von retrospektiver rosaroter Brille zu tun. Mit einer rückwirkenden Überhöhung der Vergangenheit und insbesondere der eigenen Kindheit.

In meinem Fall sind „früher“, die Jahre meiner Kindheit, die 90er. Vor ein paar Tagen habe ich mir auf einem bekannten Online-Videoportal Zusammenschnitte von Musik aus den 90ern angehört. Diese Videos hatten dann so schöne Namen wie „Hits of 99“ oder „The Best Songs of 1997“. Es ist ein bisschen peinlich, aber ich hatte (und habe immer noch, nebenbei läuft gerade „The Best Songs of 2000“) unglaublichen Spaß daran. Und da waren üble Sachen dabei, wir reden hier schließlich von den 90ern. Ricky Martin, die Backstreet Boys und Britney Spears lassen grüßen. Selbst Liedern, die ich früher furchtbar fand und jahrelang wie die Pest gemieden habe, kann ich nun etwas Positives abgewinnen und trällere sie fröhlich mit. Neben der Musik kann man in diesen Videos selbstverständlich auch die Mode der Zeit begutachten. „Guck mal wie die aussehen in dem Video! Nein!“. Meine Schwester habe ich bereits mit dem Retrovirus infiziert, auch sie schaut nun fleißig 90er-Musikvideos. Und ist genauso angetan.

Ich glaube, eine rationale Erklärung gibt es dafür nicht. Es werden einfach Erinnerungen geweckt an vergangene Zeiten. Und die waren eben anders. Ob sie auch besser waren – darüber können wir uns streiten. Ich jedenfalls möchte nicht nochmal in den 90ern leben. Nicht, weil die 90er furchtbar waren, sondern weil ich nicht noch einmal ein Kind sein möchte. Ich hatte eine schöne Kindheit, aber die habe ich hinter mir gelassen. Die Erinnerung daran lebt ja weiter, u.a. auch in unglaublich flacher und unwiderstehlicher 90er-Popmusik. Und in unserer schönen Gegenwart ist diese ja jederzeit verfügbar. In der nächsten „Früher-war-alles-besser“-Diskussion werde ich eine Lanze für die Gegenwart brechen.

Aber der Button bleibt trotzdem.

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Autor:

Leidenschaftliche Bloggerin. Kaffeesüchtiger Serienjunkie. Schleswig-Holsteinerin im Exil. Ständig hungrig, vor allem aufs Leben.

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