Veröffentlicht in Fernsehserien, Hingeschaut, Zitate

Hingeschaut! #1 – What’s my name?

Der Humor des öffentlich-rechtlichen Fernsehens treibt ja manchmal wunderliche Blüten. Eine der sonderlichsten davon ist mit Sicherheit das Morgenmagazin, das ich – wie ich zu meiner Schande gestehen muss – gerne nebenbei laufen habe, wenn ich mich für die Uni fertig mache. Nur zu Informationszwecken natürlich. Das Wetter ist dort immer ein wichtiges Thema und wird gelegentlich von einem freundlichen Mann mit dem Namen Ben Wettervogel präsentiert. Wettervogel, haha. Wikipedia hat mir zwar verraten, dass dies nicht sein richtiger Name ist (er heißt eigentlich Benedikt Vogel), jedoch ist der Name in unserem Kulturkreis ein wichtiger Bestandteil der eigenen Identität (man denke nur an die sog. „sprechenden Namen“) und – zumindest der Vorname – begleitet einen zumeist ein Leben lang. Umso schlimmer, wenn jemand damit Schindluder treibt…

Astro, Asteroid, Asterix, Ostrich, Ascot, Afro, Esther Figglesworth, einmal sogar Claire („Really? Claire? That doesn’t even start with an „A“.“) – um hier nur einige Beispiele zu nennen – all dies sind Namen, die Junioragent Astrid Farnsworth im Laufe der TV-Serie Fringe von Walter Bishop zugedacht werden. Mag er auch am Anfang wirkliche Probleme damit gehabt haben, sich den Namen seiner Assistentin zu merken, so wird doch im Laufe der Serie immer mehr ein Spiel daraus – frei nach dem Motto: „Wie weit kann ich es treiben? Wie lange spielt sie mit?“ Greifen Astrid oder auch Peter in den frühen Folgen noch ein und korrigieren Walter („Astrid! Her name is Astrid!“), wird die falsche Bezeichnung von Agent Farnsworth im Laufe der Serie immer mehr zu einem liebgewonnenen Ritual zwischen Walter und Astrid, insbesondere, wenn Astrid auf das Spiel eingeht und auch Walter einen anderen Namen verpasst („Astro, are we ready?“ – „Just about, Wally.“). Auch als Zuschauer hat man schnell seine Freude an diesen Spielchen. Erstens, weil die Namensgebung oft wirklich kreativ und unterhaltsam ist und zweitens auch, weil sie die Schrulligkeit und Verschrobenheit von Walters Charakter unterstreicht und zeigt, wie komplex und doch verwirrt seine Gedanken sein müssen. Paradoxerweise hat er nämlich eigentlich keine Probleme damit, sich Namen zu merken. Und wenn er doch mal danebenliegt, fragt man sich als Zuschauer unweigerlich, ob er es nicht vielleicht auch absichtlich tut („Kennedy, help me!“ -„It’s Lincoln!“). Noch absurder wird es natürlich, wenn er Astrids Doppelgängerin aus dem Paralleluniversum (auch als „Alt-Astrid“ bezeichnet) völlig selbstverständlich mit ihrem richtigen Namen anspricht, was „unsere“ Astrid dann natürlich auf die Palme bringt („Really?! You get her name right?“). Ihre verdiente Auflösung findet das Namensspielchen zwischen Walter und Astrid am Ende der Serie dann aber doch noch, wenn Walter feststellt: „It’s a beautiful name.“ – „What is?“ – „Astrid.“

Hat Walters Namensschusseligkeit in Fringe somit sowohl die Funktion zu unterhalten als auch den Charakter einer Figur bzw. die Beziehung zwischen zwei Figuren auszugestalten, so können wir in JJ Abrams anderer Serie Lost eine weitere Funktion finden – oder auch nicht. Denn es gibt in dieser Serie etwas, von dem keiner so genau weiß, was es ist und das daher auch nicht benannt werden kann. Richtig, das sogenannte „smoke monster“. In Anbetracht der Tatsache, dass keiner sich erklären kann, wer oder was dahinter steckt, wird es einfach nach seinem Aussehen bezeichnet: Eine große Säule Rauch, die (wahllos?) Menschen angreift = „smoke monster“. Wenn gegen Ende der Serie herauskommt, dass es sich bei dem Monster ehemals um Jacobs Bruder handelt, ist man als Zuschauer auch nicht schlauer, denn selbst in der Rückblickfolge zur Kindheit der Brüder (Season 6, Episode 15: Across the Sea) erfährt man seinen Namen nicht. Schon diese Namenlosigkeit lässt sein späteres Schicksal erahnen, kann er doch als „smoke monster“ auch die Gestalt toter Menschen annehmen und wird dann von anderen auch mit ihrem Namen bezeichnet (und eben nicht mit seinem, den ja niemand kennt). Den Großteil der sechsten Staffel referieren die anderen Menschen auf der Insel mit dem Namen „Locke“ auf das „smoke monster“, weil es John Lockes Erscheinung angenommen hat. Namenlosigkeit ist also offensichtlich ein Problem, dass hier dadurch gelöst wird, dass das Monster nach seiner aktuellen Erscheinungsform („smoke monster“ oder den Namen der Person, deren Gestalt es angenommen hat) benannt wird. Ob und wenn ja welche Identitätskonflikte diese Namenlosigkeit bzw. dieser ständige Namenwechsel für das „smoke monster“ zur Folge hat, erfährt der Zuschauer nicht. In Fringe taucht mit den „Observers“ übrigens ein ähnliches Phänomen auf, wenngleich hier die Bezeichnung der Personen aufgrund der Tätigkeit und nicht des Aussehens erfolgt („He’s watching. Observing. Which is why we refer to him as ‚The Observer‘.“).

Hingeschaut! #1 feat. Fringe: Season 1, Episode 4: The Arrival; Season 1, Episode 6: The Cure; Season 3, Episode 19: Lysergic Acid Diethylamide; Season 4: Episode 2: One Night In October; Season 4, Episode 4: Subject 9; Season 4, Episode 11: Making Angels; Season 5, Episode 13: An Enemy Of Fate sowie Lost: Season 6, Episode 15: Across the Sea.

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Autor:

Leidenschaftliche Bloggerin. Kaffeesüchtiger Serienjunkie. Schleswig-Holsteinerin im Exil. Ständig hungrig, vor allem aufs Leben.

4 Kommentare zu „Hingeschaut! #1 – What’s my name?

  1. Ich fühle mich ein bisschen geschmeichelt, danke! 🙂 Dabei finde ich die beiden Serien einfach nur so absolut wunderbar, dass ich darüber schreiben muss. Und freue mich jedes Mal, wenn auch andere sie wunderbar finden. 😀

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  2. Ich schließe mich an – mir gefällt dein Schreibstil auch. Und deine Einsichten zu Namen und ihrer Funktion in Fringe und Lost fand ich auch sehr interessant. Es lohnt sich halt doch, wenn Geisteswissenschaftler (auch) über Fernsehserien schreiben! 🙂

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    1. Auch dir vielen Dank für deinen Kommentar! 🙂 Früher habe ich Medienwissenschaften ja immer belächelt…seit ich erkannt habe, was man in seinen Lieblingsfernsehserien alles entdecken kann, wenn man genau hinschaut, hat sich das aber radikal geändert. Als Geisteswissenschaftler wird man ja darauf gedrillt, GENAU hinzuschauen (bzw. zu lesen und zu arbeiten) und das kommt einem hier wirklich zugute. Und unfassbar viel Spaß macht es auch noch, aber das muss ich dir wohl nicht erzählen… 😉

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