Veröffentlicht in Fernsehserien, Hingeschaut

Hingeschaut! #4 – Don’t tell me what I can’t do!

Das Internet ist eine tolle Sache. E-Mails verschicken und so, schon klasse. Kurz googlen, wie das nochmal genau war mit der 5-Prozent-Hürde, der Photosynthese oder dem Fosbury Flop und damit dann im Freundeskreis glänzen. Super. Noch viel toller sind aber die Möglichkeiten, die uns das Web 2.0 bietet. Als mündiger Nutzer fahren wir nicht nur passiv ein Stück auf der Datenautobahn mit – nein, wir haben zahlreiche Möglichkeiten, selbst am Steuer zu sitzen, etwas zu produzieren und uns mit anderen auszutauschen. Schon eine tolle Sache. Wikis sind ein gutes Beispiel dafür: Wer etwas weiß, schreibt einen Artikel und teilt so sein Wissen mit anderen. Vorbei die Zeiten, in denen man frustriert in Lexika blätterte auf der Suche nach einem nicht vorhandenen Eintrag. Das Internet weiß alles – natürlich auch über TV-Serien.

Zu zwei von mir sehr geschätzten Serien gibt es nämlich eigene „Online-Enzyklopädien“. Wikis sozusagen, an denen jeder mitschreiben oder dort Dinge nachlesen kann. Sowohl „Lostpedia“ als auch „Fringepedia“ bieten dem nerdigen, an einzelnen Seriendetails interessierten Lost-&-Fringe-Fan neben Transkripten der Folgen und Biographien der Charaktere Informationen zu fast jedem in den Serien auftretenden Thema oder Satz. Und so bin ich auch über das Thema für Hingeschaut! #4 gestolpert. Ich wollte etwas über wiederkehrende Sätze in TV-Serien schreiben. Mottos, Catch phrases, Slogans – wie immer man diese bezeichnen möchte.

Zunächst fielen mir dabei die zwei für mich omnipräsenten Sätze in Lost ein: „Live together, die alone“ und „Don’t tell me what I can’t do“. Ersterer geht auf Jack zurück, letzterer auf Locke. Das allein sagt eigentlich schon alles, sind diese beiden doch in den ersten Lost-Staffeln die beiden Gegenspieler: Auf der einen Seite der rationale Arzt Jack Shephard, dem klar ist, dass die Überlebenden des Flugzeugabsturzes nur eine Chance auf der Insel haben, wenn sie zusammenarbeiten; auf der anderen Seite der an das Schicksal glaubende, wie durch ein Wunder von seiner Querschnittslähmung geheilte John Locke, der sich von niemandem Vorschriften machen lassen will, sondern lieber „der Insel“ die Entscheidungen überlässt. So weit, so gut.

Dass es noch wesentlich mehr wiederkehrende Sätze gibt, war mir gar nicht so bewusst. Bis ich in Lostpedia über dieses Thema gestolpert bin. Dass Hurley ziemlich oft das Wort „Dude!“ von sich gibt – okay. Auch dass Desmond sich von verschiedensten Personen wünscht, sie in seinem nächsten Leben wiederzusehen („See you in another life, brother!“), war mir noch klar. In der Liste der „regularly spoken phrases“ finden sich aber noch viele weitere Sätze, alphabetisch sowie nach Charakteren geordnet. Besonders die den Figuren zugeordneten Sätze sind aufschlussreich. Für Hurley sind dort u.a. noch die Sätze „I’m not crazy“ sowie „The numbers are bad!“ angegeben. Zusammen mit seinem Markenzeichen-Ausruf „Dude!“ verweisen diese auf zwei zentrale Erlebnisse in seinem Leben: Die Zeit in der Irrenanstalt sowie den Lottogewinn mit den „verfluchten“ Zahlen 4,8,15,16,23 und 42, der ihm nur Pech gebracht hat. Über die Zahlen in Lost könnte man vermutlich ein ganzes Buch schreiben, vielleicht widme ich mich bei Gelegenheit mal in einem anderen Beitrag dieser Thematik. Desmond verwendet neben dem oben zitierten Satz außerdem noch öfter „I love you, Penny“ sowie die zustimmende Äußerung „Aye“. Penny, die Liebe seines Lebens, ist Desmonds gesamter Lebensinhalt. Sein Handeln auf der Insel ist nur darauf ausgerichtet, sie wiederzusehen. Paradoxerweise ist er aber auch nur auf der Insel gelandet, weil er an einer von Pennys Vater veranstalteten Weltumseglung teilgenommen hat. Penny ist Ausgangspunkt und Ziel all seinen Handelns und er unterstreicht dies durch wiederkehrende Bezugnahme auf sie.

Gut gefallen hat mir auch die Zusammstellung zu Charlie: „Have you ever heard of Drive Shaft? The Band? ‚You all everybody!'“, „Guys, where are we?“ sowie „AARON!“ fassen Charlies Leben vor dem Absturz und auf der Insel ziemlich gut zusammen: Rockstar, planloser Chaot und schlussendlich liebevoller Ersatzvater. Sawyers wiederkehrende Sätze hingegen beziehen sich fast alle auf das Inselgeschehen, egal, ob er Kate ruft („Hey Freckles“) oder auf eine Begrüßung ihrerseits mit „Hey yourself“ antwortet, ob er über das Verhalten einer anderen Person schimpft („Son of a bitch!“) oder sich in seiner Machtposition auf der Insel herrschaftlich gebart („What can I do for you?“) – Sawyer lebt ganz im hier und jetzt und seine Sprache zeigt dies deutlich. Auch Jacks typische Sätze hängen oft mit Kate zusammen („We have to go back, Kate!“, „Kate stays!“, „No you’re not, Kate!“), was unterstreicht, wie wichtig sie nicht nur für Sawyer, sondern auch für Jack ist. Die Dreiecksbeziehung zeigt sich somit auch auf der sprachlichen Ebene. Jacks „Nothing is going to happen!“ hingegen ist insofern interessant, als es zunächst seine rationale Grundhaltung unterstreicht (wenn er sich z.B. weigert, in der Station die Zahlen einzugeben, weil er überzeugt ist, es handele sich dabei nur um ein Psycho-Spiel), dann aber auch zur Darstellung seines „Sinneswandel“ in späteren Staffeln genutzt wird, etwa wenn er glaubt, die Bombe im U-Boot könne ihnen nichts anhaben, weil sie Kandidaten seien.

Einige wiederkehrende Sätze sind auch ziemlich lustig, so z.B. Sayids „I don’t know how long the battery will last“, das auf seine Position als Tüftler und Bastler der Gruppe verweist und nochmal bewusst macht, wie oft fehlender Strom den Gestrandeten einen Strich durch ihre Pläne macht. In den späteren Staffeln (5 und 6) mit den flash-sideaways lebt Ben zudem als Highschool-Lehrer in Los Angeles und muss wirklich absolut jedem ständig unter die Nase reiben, dass er promovierter Historiker ist: „It’s Dr. Linus!“ Pedanterie und Angst vor Kontrollverlust als ausgeprägte Charakterzüge sind somit auch bei der Nicht-Insel-Version Bens vorhanden. Auch Michaels ständiges hektisches Geschrei nach seinem Sohn („WAAAALT!“) trägt beizeiten komödiantische Züge.

Wiederkehrende Sätze unterstreichen somit in Lost wichtige Charakterzüge der Figuren sowie ihre Einstellungen, beziehen sich auf ihr Verhalten, ihr Leben vor dem Absturz und/oder auf der Insel und tragen auch zur Ausgestaltung der Figurenbeziehungen bei.

Hingeschaut! #4 feat. Lost: Season 1, Episode 1: Pilot (Part 1) (Charlie, Sayid); Season 1, Episode 4: Walkabout (Locke); Season 1, Episode 5: White Rabbit (Jack); Season 1, Episode 18: Numbers (Hurley); Season 1, Episode 25: Exodus (Part 3) (Michael);  Season 2, Episode 1: Man of Science, Man of Faith (Desmond); Season 2, Episode 13: The Long Con (Sawyer) sowie Season 6, Episode 7: Dr. Linus (Ben)

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Autor:

Leidenschaftliche Bloggerin. Kaffeesüchtiger Serienjunkie. Schleswig-Holsteinerin im Exil. Ständig hungrig, vor allem aufs Leben.

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