Veröffentlicht in Krimskrams

Der Schleswig-Holsteiner und seine Eigenarten. Eine Liebeserklärung.

„Was macht der Schleswig-Holsteiner im Sommer?

– An diesem einen Tag grillt er.“

Der Schleswig-Holsteiner* ist gekennzeichnet durch einen trockenen Humor, der sich Menschen aus anderen deutschen Regionen durch übermäßigen Gebrauch von Ironie und Sarkasmus sowie eine nüchterne Tonart zumeist nur schwer erschließt. Er ist staubtrocken, dieser Humor, denn nur so ist es dem Schleswig-Holsteiner möglich, die Wassermengen, die sich beinahe täglich über ihn und seine geliebte Heimat ergießen, zu überleben.

Kein Freund großer Worte, begegnet er seinen Mitmenschen mit einem knappen „Moin“ (niemals „Moin, Moin“), verabschiedet sich mit einem „Erstma'“ und antwortet auf Fragen zu seinem Wohlbefinden nur mit „Muss ja.“ Dennoch ist der Schleswig-Holsteiner kein unsoziales Wesen. Hat er ein Problem in seinem Umfeld identifiziert und kann er zu dessen Beseitigung beitragen, ist ihm keine Anstrengung zu groß. Überschwänglichem Dank für die Reparatur der Dachrinne oder ähnliche lebenserhaltende Maßnahmen (Stichwort: Wasser von oben) begegnet er nur mit einem knappen „Da nich‘ für“. Als Wiedergutmachung lässt er sich höchstens auf ein Bier (oder zwei) einladen, aber natürlich nur eines, das beim Öffnen ploppt.

Neben dem Wasser zur linken, zur rechten und von oben ist der Wind ständiger Begleiter des Schleswig-Holsteiners, auch wenn er es nicht merkt. Alles unter Windstärke 8 ist es nicht wert, kommentiert zu werden und beeinträchtigt die Einstufung des Wetters in „gut“ (= es regnet nicht) in keinster Weise. Scheint dazu noch die Sonne und die Temperatur erbarmt sich, in den zweistelligen Bereich – sagen wir mal auf etwa 14 Grad – vorzurücken, sieht sich der Schleswig-Holsteiner gezwungen, Holzkohle zu besorgen und – während er genüsslich ein Eis schleckt – den Grill anzuheizen. Ihm ist bewusst, dass dies womöglich die einzige Möglichkeit sein wird, bevor die kalte Jahreszeit wieder einsetzt. Diese dauert in Schleswig-Holstein bekanntermaßen von Anfang Oktober bis mindestens Ende Mai. Sie hält den Schleswig-Holsteiner zwar nicht vom Grillen ab – dies tut er z. B. auch besonders gern an Silvester, nachdem er vom Rummelpottlaufen zurückgekehrt ist -, aber macht es im schwieriger, dieses als Outdoorevent zu gestalten.

Der Sommer im schönsten Bundesland der Welt ist gekennzeichnet durch Unwetter, die sich passend zur Kieler Woche, dem kulturellen und keinesfalls sportlichen Höhepunkt im Leben des Schleswig-Holsteiners, in der letzten Juniwoche einstellen und mindestens zehn Tage andauern. Nasse Juli und einige spätsommerliche Sonnenstrahlen im August und September runden den Sommer ab. Diese beginnen vorzugsweise dann, wenn die Schule bereits wieder angefangen hat, der Jahresurlaub beendet ist und die Touristen fluchend über das Wetter das Land verlassen haben. Die meisten Urlauber kommen aus dem Ausland, denn alles südlich von Hamburg gehört für den Schleswig-Holsteiner zu Süddeutschland und damit eigentlich zu einer anderen Welt. Für den Schleswig-Holsteiner ist das die schönste Jahrezeit, kann er doch jetzt „ans Wasser“ fahren und baden, ohne dabei von ungläubigen Touristenscharen in dicken Pullovern angestarrt zu werden.

Doch auch die kalte Jahreszeit hat für den Schleswig-Holsteiner ihren Reiz: Mit Appetit verspeist er Rübenmus oder gezuckerten Grünkohl mit Kassler und Kochwurst und trinkt Grogg, Glühwein oder Kaffee mit so viel Schuss, dass er sich anzünden lässt. Im neuen Jahr – die kalte Jahreszeit geht schließlich bis mindestens Ende Mai – kommen frische Kartoffeln und Spargel auf den Tisch. Ausländischen Sättigungsbeilagen wie etwa Nudeln oder Klößen steht der Schleswig-Holsteiner grundsätzlich skeptisch gegenüber und lehnt diese ab.

Neben der Kieler Woche interessiert der Schleswig-Holsteiner sich vorwiegend für kulturelle Ereignisse in seiner näheren Umgebung wie Grillfeste, Schützenfeste, Kinderfeste und sonstige Feste, auf denen der Grill angeheizt und Wurst von Pappen gegessen wird. Im Hintergrund dudelt dabei gern Radio Schleswig-Holstein (R.SH), dessen Programm der nach 1986 geborene Schleswig-Holsteiner mit der Muttermilch verinnerlicht hat und den Satz „Bei Mittmann…“ schon als Kleinkind vollenden konnte. Sonntagsabends steht beim Schleswig-Holsteiner gelegentlich der Tatort auf dem Programm, aber auch nur der Kieler und auch nur, wenn sich dieser nicht mit Spielen der SG oder des THW überschneidet. Seine Leidenschaft für einen dieser Vereine – und niemals für beide! – und die Sportart Handball ist dem Schleswig-Holsteiner heilig. Für regionalen Fußball interessiert er sich v. a., wenn es den Störchen mal wieder nicht gelingt, in die 2. Bundesliga aufzusteigen; andere Sportarten sind dem Schleswig-Holsteiner weitestgehend unbekannt oder egal, v. a. solche, die auf dem Wasser ausgeübt und während der Kieler Woche durchgeführt werden.

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Dieser Beitrag kann nur eine Einführung in das vielschichtige Wesen des gemeinen Schleswig-Holsteiners bieten, soll aber v. a. dazu beitragen, kulturellen Differenzen durch Missverständnisse vorzubeugen. Zum weiteren Studium empfiehlt sich eine Reise in seine wunderschöne Heimat, wo sich die Gelegenheit ergibt, den Schleswig-Holsteiner in seinem natürlichen Lebensraum kennen und lieben zu lernen. Es lohnt sich.

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde hier das zugegebenermaßen politisch unkorrekte generische Maskulinum verwendet. Die Bezeichnung „Schleswig-Holsteiner“ schließt natürlich auch weibliche Bewohnerinnen des schönsten Bundeslandes der Welt mit ein.

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Autor:

Leidenschaftliche Bloggerin. Kaffeesüchtiger Serienjunkie. Schleswig-Holsteinerin im Exil. Ständig hungrig, vor allem aufs Leben.

22 Kommentare zu „Der Schleswig-Holsteiner und seine Eigenarten. Eine Liebeserklärung.

    1. Das ist schön. Wenn du Reisetipps brauchst, weißt du, an wen du dich wenden kannst. 😉
      Ich hab ja schon mal bei einer kleinen Tourismusagentur gearbeitet. Vielleicht sollte ich diesen Kontakt reaktivieren. 🙂

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  1. Ich glaube, ich komm euch auch mal besuchen. Klingt wirklich schön und sieht ebenso aus. Kann man dich dann als Fremdenführerin buchen? Oder bewirbst du dich mit dem Artikel etwa sogar in der Tourismus-Branche? 😉

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    1. Unbedingt! Ich wette, deine Kinder fänden es großartig an Nord- oder Ostsee! Ich kann dir gern ein paar schöne Ecken empfehlen und Ausflugstipps geben. 🙂

      Ich hab ja tatsächlich schon mal in der Tourismusbranche gearbeitet vor dem Studium. War zwar nur ein kleiner Verein, hat aber Spaß gemacht. Wenn ich eine passende Stelle in der Toursimusbranche finde, kann ich mir eine Rückkehr durchaus vorstellen…

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      1. Mach das gerne! Es muss ja nicht Sylt sein… 😉

        Kommt ganz drauf an, wo man in der Tourismusbranche arbeitet. Wenn man einen Bürojob bei einer Tourismusagentur hat, dann ist das wohl 9-to-5 (öffentlicher Dienst?). Ansonsten könnte natürlich auch Wochenendarbeit dabei sein. Wäre ja aber kein Problem für mich, wie du weißt. 🙂

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      1. 😀 So ungefähr. Aber ich mag trotz allem diese trockene nordische Art. Ein guter Freund von mir kommt auch aus diesem Ausland. Ich bin mir der charakteristischen Züge des dort lebenden Menschenschlages also durchaus bewusst. 😉

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