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Seri(e)ös: House of Cards (Staffel 4)

Der amerikanische Wahlkampf ist ein aberwitziges Spektakel. Kaum ein Tag, an dem man nicht aufsteht und lesen kann, was Donald Trump wieder von sich gegeben hat oder dass Hillary Clintons Kleid im TV-Duell suboptimal war. Als Nicht-Politiker und Nicht-US-Amerikaner kann man die Regeln und Strukturen dieses Machtkampfes kaum über-, geschweige denn durchblicken. Da bin ich manchmal sehr erleichtert, dass Wahlkämpfe in Deutschland anders und v. a. weniger pompös verlaufen. Ein paar Plakate, ein paar Werbespots, ein paar Veranstaltungen, alles ziemlich öde und am Ende macht man sein Kreuz bei einer der mehr als zwei Parteien auf dem Stimmzettel. Für große Storys a la Hollywood taugt das natürlich nicht. Aber es weiß ja eh jeder, dass sich die politischen Skandale in Deutschland in der Landespolitik meines Heimatbundeslandes und nicht im Bundestagswahlkampf abspielen (Schlagwörter: Barschel-Affäre, Schubladen-Affäre, Heide-Mörder, Christian „Es-war-Liebe“ von Bötticher und wer weiß, was in Zukunft noch kommt…).

In House of Cards befindet Frank Underwood sich in Staffel vier mitten in diesem Spektakel, das sich Wahlkampf nennt. Ein neues Kapitel in der Geschichte der Underwoods beginnt, welches den vorherigen in Nichts nachsteht.

(Der restliche Beitrag enthält Spoiler zur besprochenen sowie zu früheren Staffeln!)

File:Weißes Haus, Washington, USA.jpg

(Quelle: http://www.elbpresse.de (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons, Link zur Originaldatei)

Der Roman House of Cards

Ich verwende bewusst das Wort „Kapitel“, wenn ich über eine Staffel House of Cards spreche. Wäre diese Serie ein literarisches Werk, sie wäre ein Roman und jede Staffel eines seiner Kapitel, unterteilt in weitere 13 Unterkapitel. Dass die einzelnen Folgen keine Namen tragen, sondern schlicht Nummern, und dass diese Kapitelzählung sich die ganze Serie über fortsetzt und nicht bei jeder Staffel neu beginnt, verdeutlicht diesen Anspruch. In House of Cards wird eine Geschichte erzählt, die so in sich verwoben und voller Rückbezüge ist, dass sie keine Unaufmerksamkeit verzeiht. Eine Folge zu verpassen kann den k.o. bedeuten, denn auch ein „Previously on…“ sucht der Zuschauer vergebens. Wie in einem guten Roman fügt sich alles zu einem Gesamtbild zusammen und jedes kleine Detail, jede Folge, jede Szene sind ein unverzichtbarer Teil davon. Das unterscheidet House of Cards von anderen qualitativ hochwertigen Serien wie Breaking Bad, Orphan Black oder sogar Six Feet Under. Etwas Vergleichbares findet sich am ehesten in The Wire, einer Serie, die fast einem Epos gleicht.

Die Protagonisten

Ein Blick zurück auf Staffel drei zeigt, dass dort der Erzählstrang um Doug Stamper und seine Leiden recht prominent vertreten war. In meiner Review im vergangenen Jahr kam Staffel drei darum immer noch gut weg, aber eben auch nicht mehr. Ich mochte diese Story nicht, Doug ist ein schwieriger Charakter und ein Antiheld, mit dem man sich kaum identifizieren kann. Außerdem fehlt ihm Charisma. Sagen wir es, wie es ist: Er ist langweilig. Staffel vier besinnt sich zum Glück wieder auf die wirklich interessanten Personen und rückt die Protagonisten Frank und Claire Underwood mehr ins Zentrum. Sie hassen und sie lieben sich und sie können einfach nicht ohne den anderen. Aber was viel zentraler für den Verlauf der Handlung ist: Sie brauchen einander. Frank braucht seine Frau im Wahlkampf aus zwei Gründen an seiner Seite:

1. Um das Bild einer heilen Familie aufrecht zu erhalten; einer Familie, die eh nur aus einem Ehepaar ohne Kinder dasteht und damit zu 100% von Claires Kooperation abhängt und

2. Um von Claires Beliebtheit zu profitieren. Claire ist intelligent, sie ist redegewandt, sozial und sie sieht großartig aus. Die Anhänger der Demokraten liegen ihr zu Füßen, während viele an Franks Aufrichtigkeit zweifeln.

I’ve always been your running mate.

Claire wiederum braucht Frank, um ihre eigenen politischen Ambitionen umsetzen zu können, denn sie möchte für den Kongress kandidieren. Eine Hand wäscht die andere: Niemand hat diese Regel so verinnerlicht wie die Underwoods und niemand denkt sie so weit wie Claire. „We make each other stronger.“ – Diese recht nüchterne Aussage stellt die Weichen für einen aberwitzigen Plan, an dessen Ende Claire nicht für den Kongress kandidiert, sondern für das Amt der Vizepräsidentin.

Der Ehemann Präsident, die Ehefrau seine Stellvertreterin, ein unvorstellbares Szenario? Wahrlich, als Zuschauer greift man sich methaphorisch zunächst an den Kopf. Dann jedoch entfaltet sich Folge für Folge der Plan, es werden Strippen gezogen, es wird gelogen, betrogen und geschleimt, und letztlich fügt sich alles so natürlich, als hätte es überhaupt keine andere Möglichkeit gegeben. Wenn Claire ihren Mann in Folge 6 einschwört – „It’s us against them.“ – kann auch der letzte Zweifler seine Augen nicht davor verschließen, dass er es hier mit einem gefährlichen, weil erfahrenen Team zu tun hat, das zu viel zu verlieren hat, um nicht auch zu drastischen Mitteln zu greifen.

I’m done trying to win over people’s hearts.

Natürlich gibt es in Staffel vier noch weitere Handlungsstränge, aber die Geschichte der eingeschworenen Underwoods und ihres perfiden Plans überstrahlt für mich alle anderen: Die um Franks republikanischen Gegner und seine Bilderbuchfamilie; die um Lukas Goodwin und sein Attentat auf Frank; die um den Tod von Claires Mutter und Claires Affäre mit Tom Yates; die um irgendwelche Ölmachtspielchen mit dem russischen Präsidenten, die um amerikanische Terroristen, die eine Familie entführt haben – und vor allem auch die um Tom Hammerschmidt und seinen Versuch, einen Skandal über die Underwoods auszugraben und zu veröffentlichen. Dass ihm das am Ende gelingt und Frank und Claires Kampagne empfindlich treffen könnte, ruft v. a. Claires Kampfgeist auf den Plan. Mehr denn je entpuppt sie sich als der wahre Wolf im Schafspelz, wenn sie feststellt:

We can work with fear. (…) We don’t submit so terror. We make the terror.

Das abschließende Fazit zur aktuellen Staffel House of Cards fällt aufbauend auf den vorangegangenen Beschreibungen sehr positiv aus. Die Schreiber haben sich besonnen und sind zu dem zurückgekehrt, was die Serie stark macht: zwei starke Protagonisten, die alleine gefährlich, zu zweit aber wirklich zu allem fähig sind. Ganz besonders, wenn sie sich beide in machtvollen Positionen befinden. Ganz hervorragend hat mir gefallen, wie Claire in Staffel vier noch einmal deutlich an Profil gewinnt. Sie war schon immer eine starke Frau, aber das Machtgefüge zwischen den Eheleuten Underwood hat sich in ihre Richtung verschoben; Frank braucht sie inzwischen dringender als sie ihn. Das ist das Ergebnis von dreißig Jahren (Ehe-)Arbeit, in denen sie sich untergeordnet und verzichtet hat. Dass sie dazu eine fast selbstverständliche Eleganz in jeder Situation ausstrahlt, hilft natürlich ebenfalls. Ich bin äußerst gespannt, in welche Richtung Claire sich weiterentwickeln wird, denn für mich steht und fällt die Story mit ihrer Figur. Ich persönlich hätte nichts dagegen, sie in Staffel 5 als Präsidentin der USA zu sehen. Das wäre nur folgerichtig.

Weiterempfehlung: House of Cards ist eine klug konzipierte und spannend erzählte Polit-Dramaserie mit großartigen Darstellern bis hinein in kleine Nebenrollen. Staffel vier kommt stärker daher als Staffel drei und macht richtig viel Lust auf weitere Intrigen aus dem Weißen Haus.

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Autor:

Leidenschaftliche Bloggerin. Kaffeesüchtiger Serienjunkie. Schleswig-Holsteinerin im Exil. Ständig hungrig, vor allem aufs Leben.

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