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Seri(e)ös: Der seltsame Fall des Donald Draper – Mad Men (Staffel 7)

Fall, der (Substantiv, maskulinum): 1. Sturz; 2. sich in bestimmter Weise darstellende Angelegenheit, Sache, Erscheinung; 3. (Recht) Gegenstand einer Untersuchung, Verhandlung; (…)

(Quelle: Duden)

Das Wort Fall ist im Deutschen ein mehrdeutiges und passt perfekt zur Hauptfigur von Matthew Weiners Mad Men. Warum? Nun, ganz einfach: Don Draper ist nicht nur ein ganz besonderer Fall – nein, gerade sein Fall ist das Interessante an ihm.

Der folgende Beitrag enthält Spoiler zur besprochenen sowie allen vorherigen Staffeln!

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Wir lernen Don Draper in Staffel eins von Mad Men als einen Mann kennen, der alles hat: Er lebt zur richtigen Zeit in der richtigen Stadt, sieht großartig aus, trägt schicke Anzüge, hat eine Frau und zwei Kinder sowie eine Geliebte und ist verdammt gut in dem, was er tut: Kunden an Land ziehen und geniale Werbekampagnen entwickeln. Am Ende von Staffel sieben sehen wir ebendiesen Mann in Jeans und T-Shirt auf einer Wiese in Kalifornien sitzen und zusammen mit Hippies meditieren. Er ist zwei Mal geschieden, seine erste Ex-Frau ist todkrank, seine zweite hat ihn finanziell ausgenommen, seine Firma wurde von einer größeren Agentur geschluckt und er aufs Abstellgleis befördert. Dennoch lächelt er zum Abschluss in die Kamera.

Wie konnte es dazu kommen und worüber lächelt dieser Mann eigentlich noch?

Einen ersten Hinweis können wir dem Mad Men-Vorspann entnehmen. Dort sehen wir einen fallenden Mann, und zwar einen, der Don Draper verdammt ähnlich sieht. Von Anfang an stehen die Zeichen auf Abstieg; hier wird kein Zweifel daran gelassen, dass wir in Mad Men dem Aufstieg und vor allem dem Niedergang einer Figur beiwohnen werden. Wir sehen im Vorspann aber auch einen Mann, der entspannt in einem Sessel sitzt und eine Zigarette raucht. Neben dem Hinweis auf Nikotinabhängigkeit, eines von Don Drapers vielen Problemen, sehen wir eben auch einen Mann, der der Dinge harrt, die da kommen mögen. Einen Mann, der an sich und seine Ideen glaubt und – trotz aller Impulsivität – in sich ruht.

Ein Rückblick auf die vorangegangenen sechs Staffeln zeigt, dass Don Drapers Weg nach oben kein leichter war. „He’s come a long way“, würde der Amerikaner über ihn sagen. Über ihn, den ärmlich aufgewachsenen Schulabbrecher Dick Whitman, der sich im Koreakrieg eine neue Identität beschaffte und fortan als Donald Draper sein Leben als Verkäufer fortsetzte, bis Roger Sterling ihn für die Werbung entdeckte. Erst hier setzt die Erzählung ein und wir begleiten Don sechs Staffeln lang auf seinem beruflichen Weg nach oben. Zu einem abrupten Ende kommt dieser erst am Ende von Staffel sechs.

I messed everything up. I’m not the man you think I am.

So beginnt Staffel sieben unter anderen Vorzeichen als alle früheren: Don ist zwar noch bei Sterling Cooper Draper Pryce angestellt, jedoch aufgrund seines untolerierbaren Verhaltens am Ende von Staffel 6 zunächst freigestellt. So arbeitet er – mal mehr, mal weniger – von zu Hause aus, bis sich dieAgentur seiner Talente wieder besinnt und ihn reaktiviert. Seine Ehe mit Megan ist da schon Geschichte; sie lebt längst in Kalifornien in ihrer Schauspielerblase und braucht Don nur noch als Geldgeber. Der plötzliche Tod von Bert Cooper und die Übernahme von SCDP durch McCann Erickson setzen Don in der Folge stark zu und – unfähig, sich unterzuordnen – sorgen dafür, dass er der Agentur den Rücken kehrt und einen Roadtrip durch halb Amerika beginnt. Zunächst jagt er einen Affäre hinterher, irgendwann ist wohl mehr der Weg das Ziel und er landet in Kalifornien. Seine „Nichte“ Stephanie nimmt ihn mit in ebendiese oben erwähnte Hippiekommune, wo Don sich erstmals ernsthaft selbst reflektiert.

I broke all my vows. I scandalized my child. I took another man’s name and made nothing of it.

Ob wir hier wirklich einen geläuterten Mann sehen, bleibt offen. Denn wir erfahren nicht, wie es mit Don weitergeht. Stattdessen sehen wir ihn lächelnd auf besagter grüner Wiese sitzen, bis ein Coca Cola-Werbespot einsetzt, untermalt von dem Song „I like to buy the world a coke„. Dies kann man nun als Dons Rückkehr in die Werbewelt deuten, denn die ganze Staffel über ist Coca Cola der Kunde, der Don die Arbeit bei McCann Erickson schmackhaft machen soll. Vielleicht steigt Don also nach der Yogastunde in ein Flugzeug und kehrt als besserer Mann in sein New Yorker Leben zurück. Jon Hamm bestärkt diese Sichtweise in einem Interview. Dennoch kann man das Serienfinale auch anders deuten. Meiner Meinung nach ist eine ironische Sichtweise durchaus ebenfalls angelegt. Dons Flucht aus seinem Alltag und seine Irrfahrt durch Amerika führen ihn in eine Hippiekommune. Vielleicht erkennt er dort, dass sein Leben in New York immer nur gespielt war; letztlich lebte er immer das Leben eines Mannes, der er nicht war. Der fröhliche Coca Cola-Hippie-Werbespot wäre dann ein Sich-Lustig-Machen über die künstliche Welt der Werbung. Wohin Dons Weg danach führt, bleibt in dieser Interpretation gewiss weitaus unklarer als in ersterer. Und da wir Menschen – wie ich schon bei einem anderen Serienfinale feststellte – nach klaren Abschlüssen streben, ist es völlig in Ordnung, sich mit der geläuterten Variante des Donald Draper zufriedenzugeben. Allein dass mehrere Sichtweisen angelegt sind, spricht für die Qualität der Serie.

Mad Men als Ensemble-Serie

In seiner kürzlich erschienenen Besprechung der fünften Staffel, stellt bullion fest, dass Mad Men eine Ensemble-Serie sei. Dem kann ich nur beipflichten, auch wenn Don Herz und Zentrum der Serie ist. Betty und Megan, seine (Ex-)Frauen, tragen zu der Entwicklung der Geschichte – und damit zu Dons – genauso bei wie Peggy. Vielleicht ist Peggy sogar die wichtigste Frauenfigur der Serie, denn ihre Beziehung zu Don ist nicht romantischer Art, sondern geprägt von Respekt für das Können des jeweils anderen und auch für dessen Entscheidungen. Meinungsverschiedenheiten und Kündigungen konnten diesem Verhältnis nichts anhaben; es stand von Beginn an auf einem soliden Fundament: Ehrlichkeit. Anders als seinen (Ex-)Frauen konnte Don Peggy nie ein X für ein U vormachen. Beide haben sich ergänzt, gefordert und damit zur Weiterentwicklung ihrer jeweiligen Persönlichkeiten beigetragen. Dass Peggy am Ende ein recht abrutes und ein wenig kitschiges Happy End bekommt – geschenkt. Auch toughe Frauen haben ein Recht auf Liebe und wer weiß, was aus der Beziehung zu Stan wurde, schließlich stehen die 70er vor der Tür. Insgesamt ist das Ensemble am Ende der Serie etwas in Auflösung begriffen: Pete zieht samt Kleinfamilie in einen anderen Staat, Roger ist auf Wolke sieben und Joan – Joan ist Joan, die stärkste Frau, die diese Serie hervorgebracht hat; die tut, was getan werden muss und mit ihrer eigenen Firma sicherlich Erfolg haben wird. Es gibt noch so viele andere, die hier Erwähnung finden könnten: Ken, Ted, Harry, Ginsberg, Sally, etliche Figuren aus vorangegangenen Staffeln. Mad Men lebt von all diesen unterschiedlichen Charakteren, die irgendwie durch Don Draper verbunden sind. Denn letztlich ist es sein Leben, in das wir sieben Staffeln lang einen Einblick gewinnen konnten. Das war nicht immer lustig, es war auch nicht immer kurzweilig, aber eines war es immer: konsequent.

Was bleibt…

Mad Men reiht sich ein in die Liste hochklassiger Serien, die uns vielschichtige, bisweilen zwielichtige Charaktere präsentieren und uns in ihre Welt eintauchen lassen. Da Mad Men in der Vergangenheit spielt und eine bereits längst vergangene Epoche wiederaufleben lässt, umgeht die Serie sogar das Problem des „Alterns“, das andere Serien haben. Gute Geschichten sind unsterblich, aber wenn jemand ein riesiges Handy zückt, Faxe schreibt oder eindeutig den 90ern/2000ern zuzuordnende Mode trägt, ist das doch ein bisweilen befremdlicher Moment. Mad Men hingegen kann man sich getrost ins Regal stellen und in 20 Jahren noch einmal für die dann erwachsenen Kinder herausholen. Eine Reise in die 60er ist zeitlos.

Weiterempfehlung: Bedingungslos.

 

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Autor:

Leidenschaftliche Bloggerin. Kaffeesüchtiger Serienjunkie. Schleswig-Holsteinerin im Exil. Ständig hungrig, vor allem aufs Leben.

8 Kommentare zu „Seri(e)ös: Der seltsame Fall des Donald Draper – Mad Men (Staffel 7)

  1. Ich sehe die Schlusszene mit derm Überblenden vom meditierenden Don auf den Werbespot als zynische „Anspielung“ darauf, dass sich jede Strömung/Bewegung für die Werbung instrumentalisieren lässt. Don kehrt zwar vermutlich innerlich ausgeglichener und irgendwie „gereinigt“ zurück, aber er macht da weiter, wo er aufgehört hat. Ein tolles Ende für eine tolle Serie.
    http://www.kino.vieraugen.com/dvd/mad-men-s7-2/

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    1. Auch ein interessanter Ansatz! Durchaus eine Sichtweise, die in der Schlussszene angelegt ist; kann ich gut nachvollziehen. Es wirkt tatsächlich so, als ob Don seine Gedanken schweifen lässt und feststellt, dass Hippies gut Coca Cola verkaufen könnten. Da zeigt sich, wie ambivalent und offen das Ende ist und jeder daraus machen kann, was er mag. Das passt sehr gut zur ganzen Serie, finde ich. Ein schöner Abschluss einer tollen Reise durch die 60er Jahre.

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    1. Ich hatte nichts anderes von dir erwartet. Du bist einfach ein durch und durch vorbildlicher Blogger. 🙂 Ich werde mir ungefähr zur selben Zeit dann deine Review zum Staffelfinale zu Gemüte führen und unsere Gedanken mal vergleichen. 🙂

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      1. Ich bin durch. Im wahrsten Sinne des Wortes. Deine Besprechung finde ich sehr passend, ich muss das Gesehene erst noch ein wenig verarbeiten. Ich mag den offenen Aspekt, hatte vieles aber nicht erwartet. Emotional sehr mitreißend und insgesamt wohl wie eine gute Werbung: Man will mehr davon.

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      2. Hach, das hast du schön gesagt mit der guten Werbung! 🙂
        Mir ging es auch so, dass ich einiges nicht erwartet hatte (Stichwort Betty – was für eine krasse Wendung!). Anfangs habe ich ein bisschen verdattert auf das Ende reagiert. Aber wenn man sich darauf einlässt und ein wenig hineindenkt, ist es eine runde Sache, die dennoch Interpretationsspielraum lässt. Auch kein einfacher Spagat…

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      3. Ja, das stimmt auf jeden Fall. Ich hatte das mit Betty auch nicht erwartet, aber auch hier war es spannend wie klar sie damit umgeht. Besser als jemals zuvor. Joans Geschichte mochte ich auch sehr und Peggy habe ich das Glück gegönnt. Mein Highlight im Finale war wohl ihr Telefonat mit Don.

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      4. Ja, das Telefonat. Da wurde einfach noch einmal deutlich, wie wichtig die Beziehung der beiden in den letzten Jahren geworden ist und dass sie wichtig füreinander sind (auf eine unromantische Weise). Wäre auch komisch gewesen, wenn es zum Abschluss keine emotionale Szene mit den beiden gegeben hätte.

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