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Von Kaffee bis E-Mail-Ignoranz – was mir hilft, im Büro produktiv zu sein

Wie mein Blogname es schon verrät, bin ich eine Schreibtischtäterin. Neben der Couch und dem Bett ist mir der Schreibtisch definitiv das liebste Möbelstück bei uns zu Hause. Hier sitze ich am Wochenende oder abends und blogge, lese Blogs, schreibe oder beantworte Kommentare und freue mich, Teil dieser Community hier zu sein.

Ich habe aber nicht nur zu Hause einen Schreibtisch, sondern auch im Büro. Der Büroschreibtisch ist wesentlich größer (und aufgeräumter…) als mein heimischer und beherbergt einen Laptop + zweiten Bildschirm, eine Ablage und viele, viele bunte Post Its. Ich liebe Post Its, sie machen das Leben so viel leichter. Nach einem dreiviertel Jahr in meinem jetzigen Job weiß ich nämlich ziemlich genau, was mir im Arbeitsalltag dabei hilft, produktiv zu sein – und was eher nicht. Diese Erkenntnisse sind sicher nicht weltbewegend, aber ich möchte sie trotzdem gern mit Euch teilen, auch weil ich neugierig bin, wie andere Büromenschen ihren Alltag effektiv und effizient gestalten. Verratet mir darum gerne unten in den Kommentaren eure Tipps für einen erfolgreichen Schreibtischtag im Büro.

Ja bitte! – Das hilft mir dabei, im Büro produktiv zu sein

1. Schreibtisch

So simpel es klingt, mir hilft es sehr, einen festen Arbeitsplatz zu haben, an dem ich alles so arrangieren kann, wie es mir gefällt, vom Stuhl über die Notizzettel bis zum Getränk. Da ich Linkshänder bin, ist es für mich zum Beispiel wichtig, dass das Licht von rechts auf den Tisch fällt und dass links auf dem Schreibtisch Platz ist für Stifte und Zettel. Ein Bürokonzept, wo jeder sich einfach jeden Tag dort hinsetzt, wo er möchte oder wo gerade Platz ist, wäre nichts für mich. Es würde mich jeden Morgen einige Minuten an Organisation kosten, bis alles so ist, dass ich mich bereit fühle, mit der Arbeit zu beginnen. Manchmal setze ich mich im Büro an einen anderen freien Tisch, um etwas, das ausgedruckt vorliegt, Korrektur zu lesen. Das ist eine ganz nette Abwechslung. Wir haben auch ein Sofa im Büro, aber so gemütlich es ist – produktiv arbeiten kann ich dort nicht. Am Schreibtisch kommen mir nach wie vor die besten Ideen.

2. Musik

Ich liebe es, wenn es im Büro ganz still ist und alle konzentriert an ihren jeweiligen Projekten arbeiten. Ich sitze allerdings zusammen mit vier anderen Kollegen in einem Büro, in dem auch noch das Haupttelefon steht und bespaßt abgenommen werden muss darf (übrigens eine Aufgabe, die wir uns gerne wie den Schwarzen Peter gegenseitig unterschieben :-D). Es gibt also durchaus Tage, an denen das mit der Stille schwierig ist. Macht aber nichts, denn für solche Fälle gibt es ja Kopfhörer und Musik. Aber auch wenn es eigentlich ruhig ist, dürstet es mich bisweilen nach musikalischer Beschallung. An manchen Tagen fällt mir das Schreiben einfach leichter, wenn jemand in mein Ohr singt.

3. Kaffee

„But first – coffee!“ – Wie in wahrscheinlich fast allen Büros dieser Welt hat auch unsere Kaffeemaschine den ganzen Tag über viel zu tun. Ich bin niemand, dem die Hände zittern, wenn er mal eine Stunde keinen Kaffee hatte, aber die vormittägliche und nachmittägliche Koffeindosis muss schon sein. PC-Arbeit macht müde, aber mit meinen zwei Bechern täglich (okay, morgens zum Frühstück zu Hause trinke ich auch noch einen, also sind es eigentlich drei) wirke ich dem ganz gut entgegen.

4. E-Mails auch mal E-Mails sein lassen

Wenn ich konzentriert an einem Text oder einer Schreibaufgabe arbeite, kann es passieren, dass ich zwei Stunden nicht in meine E-Mails schaue. Manchmal tue ich das sogar bewusst nicht (ich Schelm!), weil mir klar ist, was dort im Normalfall auf mich wartet: irgendwelche Aufgaben, die kurzfristig angefallen sind und nun möglichst am selben Tag noch erledigt werden sollen sowie 38967 Benachrichtigungen von Facebook. Die Benachrichtigungen können auch mal ein paar Stunden im Postfach auflaufen und dann in einem Rutsch gelöscht werden. Und was die kurzfristigen Aufgaben betrifft: Wenn es superwichtig ist, wird mich jemand persönlich auffordern, diese sofort zu bearbeiten. Solange das nicht der Fall ist, lasse ich die E-Mails auch mal zwei Stunden E-Mails sein und beende erst die Aufgabe, an der ich gerade arbeite, bevor meine Konzentration flöten geht.

5. Post Its

Digitale Notizen sind überhaupt nicht mein Ding. Es geht so viel schneller und ist so viel einfacher, sich einfach ein paar Stichworte auf einem Post It zu notieren, Und schön bunt wird der Schreibtisch dadurch auch!

6. Aufgaben sinnvoll planen

Als Redakteurin dauern viele der Aufgaben, die ich bearbeite, einige Stunden. Nichts stört mich mehr, als wenn ich solche Aufgaben mehrfach unterbrechen muss, weil intere Meetings oder Kundentermine angesetzt sind, an denen ich teilnehme. Da ich meine Aufgaben selbstständig planen kann, versuche ich, die „gestückelte“ Bearbeitung zu vermeiden. Habe ich einen Termin von 14-16 Uhr, ist es wenig sinnvoll, danach noch einen Text zu beginnen, an dem ich voraussichtlich drei Stunden arbeiten werde. Die Zeit danach ist stattdessen perfekt für Ablage, Korrekturlesen, Aufgabenplanung oder kleine, kurzfristig angefallene Aufgaben (siehe 4.). Generell finde ich es sinnvoll, größere und komplexere Aufgaben vormittags zu erledigen. Ich bin zwar keine richtige Lerche, aber definitiv jemand, der vormittags seinen geistigen Höhepunkt hat. Außerdem bin ich ein großer Fan davon, ungeliebte Aufgaben direkt vormittags zu erledigen. Wie gut es sich anfühlt, das „Schlimmste“ des Tages schon vor dem Mittag erledigt zu haben! Natürlich funktioniert das auch andersherum: Eine schöne Aufgabe vor dem Feierabend (oder dem Wochenende) zu beenden, macht ebenfalls gute Laune.

7. Blick aus dem Fenster

Zum Glück steht mein Schreibtisch am Fenster. Wenn ich den Blick nach rechts richte, schaue ich nach draußen auf Bäume, die Straße und den Himmel. Wenn ich gerade nicht weiterkomme, hilft es mir sehr, einfach kurz aus dem Fenster zu schauen und die Gedanken schweifen zu lassen. Manchmal landen sie dann genau da, wo ich sie haben will!

8. Ein leerer Magen schreibt nicht gern

Ich verstehe nicht, was in Menschen vorgeht, die nicht gerne essen. Wie überstehen die ihren Tag? Hungrig kann ich überhaupt nicht produktiv sein. Ich frühstücke zu Hause und wie sehr ich mich auch bemühe – ich brauche auch noch einen Vormittagssnack, ansonsten schaffe ich es nicht bis zur Mittagspause. Neben dem guten, alten Käsebrot bin ich ein großer Fan von Nüssen geworden in den letzten Monaten. Die sind gesund und helfen gut über Hungerattacken hinweg. Nicht dass man bei uns im Büro Hunger leiden müsste, denn es gibt eigentlich ständig Kuchen oder Schokolade. 😀

Bitte nicht! – Produktivitätskiller

1. Permanente Gespräche

Ich arbeite in einem Großraumbüro. Dass es dort nicht komplett still ist den ganzen Tag, ist völlig okay und auch schön. Soziale Interaktion muss sein und trägt dazu bei, den Arbeitstag angenehm zu gestalten. Wenn jemand allerdings mehrmals täglich völlig unvermittelt, ungefragt und ausschweifend aus seinem Privatleben erzählt, während ich (und alle anderen) versuchen, das (wahrscheinlich straffe) Tagesprogramm zu bewältigen, stört mich das schon extrem. Aktuell ist das zum Glück kein Problem (mehr…).

2. Wasserdefizit

Ich trinke zu wenig und obwohl ich das weiß, fällt es mir schwer, dieses Problem zu beheben. Ich habe eine Karaffe mit Wasser an meinem Platz stehen, aber oft fülle ich diese montagsmorgens auf und sie ist dienstagsabends immer noch nicht leer. Auch Trinkerinnerungen helfen nicht – diese ignoriere ich einfach. Dabei weiß ich genau, dass Hirn und Körper genug Flüssigkeit brauchen, um fit zu bleiben.

3. extremer Zeitdruck

Unter Druck entstehen Diamanten? Bei mir jedenfalls nicht. In einer kurzen Zeitspanne auf DIE perfekte Idee zu kommen, funktioniert bei mir nicht sonderlich gut. Irgendetwas wird mir einfallen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass mir etwas Besseres einfällt, wenn ich nochmal eine Nacht darüber schlafe und dann erneut ein paar Denkminuten investiere, ist sehr hoch.

Jetzt seid Ihr dran: Verratet mir, welche Routinen Euch helfen, am Schreibtisch produktiv zu sein – und es auch den Tag über zu bleiben! Und falls Ihr nicht zu den Büromenschen zählt: Wie sieht Euer Arbeitsalltag aus und was hilft oder stört Euch dort? Ich freue mich auf Eure Kommentare und Tipps.

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Wer suchet, der findet! – Einige Gedanken zur Jobsuche

Vor einigen Wochen habe ich an dieser Stelle mit vielen von Euch zum Thema „Geist ist geil – Warum die Arbeitswelt Geisteswissenschaftler braucht“ diskutiert. Dieser Beitrag war und ist mir persönlich sehr wichtig und es hat mich unglaublich gefreut, dass er so großen Anklang fand. Denn auch ich bin eine dieser Geisteswissenschaftlerinnen, die sich schwer mit der Berufsfindung getan und eigentlich nur gewünscht hat, dass ihr jemand eine Chance gibt. Am Ende des Studiums und auch während meiner beruflichen Umorientierung im vergangenen Jahr habe ich es als sehr frustrierend empfunden, wenn ich auf den gängigen Jobbörsen nicht fündig wurde. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass der Arbeitsmarkt „solche wie mich“ nicht braucht – gerade in Anbetracht der Tatsache, wie viele schlechte und fehlerhafte Texte einem im analogen und digitalen Leben täglich begegnen. Darum möchte ich heute ein paar Gedanken zum Thema „Jobsuche für Geisteswissenschaftler“ mit Euch teilen. Ich sage bewusst „Gedanken“ und nicht „Tipps“, denn alles, was ich hier schreibe, sind meine persönlichen Erfahrungen und ganz bestimmt nicht der Weisheit letzter (Jobsuche-)Schluss. Der Stellenmarkt (im Internet) ist so unübersichtlich, dass es für eine einzelne Person gar nicht möglich ist, alle Jobbörsen oder -portale zu kennen (geschweige denn regelmäßig zu sichten).

Ein paar Worte vorweg: Jobdefinition

Bevor es mit der Jobsuche losgehen kann, ist es ratsam, grobe Kriterien zu definieren, die der neue Job erfüllen sollte. Das können Tätigkeiten (redaktionelle Aufgaben, organisatorische Aufgaben, Beratung, Kundenkontakt, …), aber auch Rahmenbedingungen (Ort, Zeit (Stundenanzahl und Arbeitszeit), Mindestgehalt, …) sein. Gerade Jobsuchenden mit sehr konkreten Vorstellungen wird dieser Schritt leicht fallen – die Suche dafür aber eventuell umso schwerer. Grundsätzlich gilt: Je offener die Jobdefiniton, desto mehr potentielle Arbeitsplätze kommen in Frage – desto mehr muss man aber wahrscheinlich auch bereit sein, Kompromisse zu machen. Ich bin in Jobsachen inzwischen ein Bauch- und Herzensmensch und würde daher – wenn es die (finanzielle) Situation erlaubt – zunächst aufs Ganze gehen und eine festgelegte Zeit nach dem absoluten Traumjob suchen. Das kann ein Monat, ein halbes Jahr, ein Jahr oder noch länger sein, ganz egal. Wer dabei fündig wird: Herzlichen Glückwunsch zum Jackpot! Wer nach Ablauf der selbstgesetzten Frist immer noch sucht, hat zumindest schon jede Menge Erfahrungen gesammelt und eine Vielzahl an vermeintlich unpassenden Stellenangeboten gelesen. Vielleicht ist nun die Zeit gekommen, die eigenen Jobwünsche noch einmal anzupassen und sich genauer mit Stellen zu beschäftigen, die auf den ersten Blick unattraktiv wirkten – oder eine ganz andere Richtung einzuschlagen. Das ist kein Versagen, sondern nur die logische Konsequenz aus den eigenen Erfahrungen und ein Zeichen dafür, dass eine persönliche Weiterentwicklung stattgefunden hat.

Meine persönlichen Kriterien waren übrigens recht allgemein gehalten:

  • Job als Angestellte (nicht im Öffentlichen Dienst)
  • Vollzeit
  • Tätigkeit: v. a. redaktionelle Aufgaben

Namen sind Schall und Rauch – vor allem Jobbezeichungen!

Ich habe für Euch einen kleinen Test gemacht und aus Spaß in der Jobbörse der Arbeitsagentur nach Jobs mit meinem Studienabschluss gesucht: Für den Beruf „Romanist/in – Spanisch“ gibt es bundesweit (!) keine einzige ausgeschriebene Stelle, für „Germanist/in“ aktuell 99, davon sind die meisten allerdings Lehrerstellen, für die – große Überraschung! – ein abgeschlossenes Lehramtsstudium und meist auch das 2. Staatsexamen gefordert werden. Davon abgesehen, dass ich kein Fan der Arbeitsagentur-Jobbörse im Speziellen (und der Arbeitsagentur im Allgemeinen) bin, sind diese Ergebnisse wirklich traurig, weil Suchende den Eindruck gewinnen könnten, sie würden wirklich nicht gebraucht und hätten keine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Ich bin bei der Suche in dieser und vielen anderen großen Jobbörsen deshalb schnell dazu übergegangen, nach zig verschiedenen Jobtiteln zu suchen, die für mich relevant und interessant sein könnten. Dazu gehörten u. a. :

  • Journalist/in
  • Redakteur/in
  • Online-Redakteur/in
  • Content Manager/in
  • Lektor/in
  • Korrektor/in
  • Volontär/in
  • Volontariat
  • Redaktionsvolontär/in
  • Mitarbeiter/in Presse-/Öffentlichkeitsarbeit
  • PR-Mitarbeiter/in
  • Kaufmann/-frau für Marketingkommunikation
  • Social Media Redakteur/in
  • Social Media Manager/in
  • Online Marketing Manager/in
  • Mitarbeiter/in Unternehmenskommunikation.

Blicke über den Tellerand lohnen sich!

Wie gesagt, die großen Jobbörsen haben sich für mich als wenig hilfreich erwiesen. Dennoch schadet es nicht, sich dort ab und an umzuschauen. Im Dickicht der Onlineportale hat mir Stepstone tatsächlich die besten Dienste geleistet, aber vielleicht kommt ihr mit monster.de oder absolventa.de besser zurecht. Das ist auch eine Glaubensfrage. 😉 Abgesehen von den großen Jobbörsen kann ich für Geisteswissenschaftler noch diese Seiten/Anbieter empfehlen:

  • ZEIT Stellenmarkt: Sicherlich kein Geheimtipp, aber v. a. für alle, die Lust auf die universitäre Karriere haben, sehr interessant.
  • kulturmanagement.net: Kleine, aber feine Seite mit bisweilen wirklich spannenden Jobs im Bereich Kultur.
  • Wissenschaftsladen Bonn: Auf wila-arbeitsmarkt.de gibt es eine Auswahl der Anzeigen, die wöchentlich in gedruckter Fassung veröffentlicht werden. Das gedruckte Angebot ist kostenpflichtig und nur im Abo erhältlich. Ich habe es nie in Anspruch genommen, kann mir aber vorstellen, dass es interessante Stellenangebote enthält. Ich habe schon in der kostenfreien Onlineversion oft Anzeigen gefunden, die ich nirgends sonst entdeckt habe.
  • Edition F: Ich bin ein großer Edition-F-Fan. Die Jobbörse ist zwar klein und übersichtlich, aber besonders interessant für diejenigen, die einen Job in einer Großstadt suchen.
  • Facebook: Hä, Facebook? Ja, Facebook – und zwar Facebook-Gruppen! Es gibt zig Gruppen zu Jobs in allen Bereichen. Einfach mal die Suchfunktion quälen und fleißig beitreten. Austreten kann man ja jederzeit wieder.

Soziale Netzwerke nutzen!

Facebook hat in Deutschland über 30 Millionen aktive User, Instagram etwa 9 Millionen. Kein Wunder, dass immer mehr (auch kleine) Unternehmen dort mit eigenen Seiten vertreten sind und diese auch aktiv zum Recruiting neuer Mitarbeiter nutzen. Soziale Netzwerke bieten Jobsuchenden die wunderbare Möglichkeit, sich ohne großen Aufwand mit Unternehmen, die sie interessant finden, zu verbinden und so keine Stellenanzeige mehr zu verpassen. Außerdem empfehlenswert: Ein eigenes Profil auf XING und/oder LinkedIn. XING bietet nicht nur Möglichkeiten zum netzwerken, sondern hat auch einen eigenen Stellenmarkt, der nicht uninteressant ist. Außerdem kann man auch hier mit seinem Profil Unternehmen folgen und darüber vielleicht sogar Anknüpfungspunkte für eine spätere Bewerbung herstellen. Bei LinkedIn bin ich selbst noch ganz neu (seit gestern 😉 ) und kann nicht hinreichend beurteilen, welche Möglichkeiten dieses Netzwerk bietet.

Wer Lust hat, darf sich übrigens gern mit mir in den beiden Netzwerken verbinden – Blogger müssen schließlich zusammenhalten! Hier geht’s zu meinen Xing-Profil und hier zu LinkedIn!

Eigeninitiative zeigen!

Es ist traurig, aber wahr: Der Arbeitsmarkt wartet nicht auf Geisteswissenschaftler. Darum wiederhole ich an dieser Stelle das Fazit aus Geist ist geil: Geistewissenschaftler haben Unternehmen viel zu bieten, müssen dies aber in ihren Bewerbungen aufzeigen. Das gilt umso mehr, wenn es sich um Initiativbewerbungen handelt. Sich initiativ zu bewerben, ist nicht einfach. Es gibt keine Stellenanzeige, an der man sich orientieren kann und man muss jemanden, der eigentlich gar nicht auf der Suche nach neuen Mitarbeitern ist, davon überzeugen, dass er oder sie sich doch dafür entscheidet, jemanden einzustellen. Und zwar nicht irgendjemanden, sondern genau MICH. Eine Bewerbung a la „ich finde Ihr Unternehmen sehr interessant“ wird dafür nicht ausreichen. Wie so eine Initiativberwerbung aussehen sollte, dafür gibt es kein Patentrezept. Sie sollte auffallen, im Gedächtnis bleiben, Lust darauf machen, die Person dahinter kennenzulernen. Bei großen Unternehmen mit eigenen Bewerberplattformen ist natürlich nur ein begrenztes Maß an Individualität möglich. Bei Bewerbungen per Mail kann man hingegen auch mal mutiger sein. Beim Design, beim Aufmacher des Bewerbungsschreibens, bei der Beschreibung der eigenen Fähigkeiten und wie man diese gewinnbringend für das Unternehmen einzusetzen gedenkt. Ich wiederhole mich, aber ein bisschen Größenwahn schadet hier meistens nicht. Was kann schon schlimmstenfalls passieren? Genau, nichts.

Du suchst einen Job? Schrei es hinaus in die Welt!

Ob über Jöbbörsen, soziale Netzwerke oder initiativ – die Suche nach einem (neuen) Arbeitsplatz ist für Geisteswissenschaftler oftmals kein leichtes Unterfangen. Gerade darum ist es unerlässlich, das eigene Netzwerk zu nutzen und mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zu gehen. Erzähle deinen Freunden von deiner Suche, deiner Nachbarin, deinem Hausarzt oder deinen Fußballkumpels. Nutze alle Medien, die dir zur Verfügung stehen. Mir verschaffte beispielsweise die Bewerbung auf einen Spot im Radio die Einladung zu einem Bloggercasting (das ich nicht wahrnahm, weil ich zu dem Zeitpunkt schon einen Job hatte, aber das ist egal). Allen, die kein Radio hören, ging diese Chance leider durch die Lappen. Das Wichtigste im Bewerbungswahnsinn ist übrigens nicht die Anzahl der Bewerbungen, die man (pro Tag, pro Woche, pro Monat) schreibt, sondern dass diejenigen, die man schreibt 1. für Jobs sind, die man auch wirklich machen möchte und machen könnte und 2. gut durchdacht und fehlerfrei sind. Qualität statt Quantität ist hier wie so oft im Leben ein guter Ansatzpunkt.

Jetzt seid ihr nochmal gefragt, liebe Geisteswissenschaftler: Wie habt Ihr Euren aktuellen (oder einen früheren) Job gefunden? Welchen Plattformen und Netzwerke helfen Euch dabei, beruflich weiterzukommen – oder auch nicht? Ich freue mich auf eine rege Diskussion!

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Schreiben als Beruf #1 – Meine Erfahrungen nach sechs Monaten

Dass ich in meiner Freizeit gerne schreibe, zu dieser Erkenntnis hat mir der Blog schon vor Jahren verholfen. Im vergangenen Jahr habe ich es dann gewagt und mir auch einen Job gesucht, in dem Schreiben zu den vorwiegend ausgeführten Tätigkeiten gehört. Seit einem guten halben Jahr arbeite ich nun als Online-Redakteurin in einer Social-Media-Agentur. Dort übernehme ich für verschiedene Kunden die redaktionelle Betreuung ihrer Facebookseite, ihres Instagramkanals, Xing-Auftritts oder Unternehmensblogs, wobei der Schwerpunkt schon sehr deutlich auf dem Netzwerk Facebook liegt. Ich suche also Themen aus, recherchierche dazu, schreibe die Texte für die entsprechenden Beiträge, erstelle sie in Zusammenarbeit mit einem Grafiker und veröffentliche die Beiträge zum vorgesehenen Termin auf den Seiten der Kunden. Hohe Literatur ist das nicht, aber das wusste ich vorher. Ich hätte mich auch um einen Job bei einem Verlag oder einer Tageszeitung bemühen können, das war aber nicht das, was ich wollte. Außerdem ist der Einstieg dort meist nur über ein Volontariat möglich, auf das ich als Quereinsteigerin ohne Berufserfahrung wahrscheinlich schlechte Chancen gehabt hätte. So hänge ich nun den ganzen Tag bei Facebook herum und werde dafür bezahlt. Welche weiteren Erkenntnisse ich aus meinen ersten sechs Monaten als Vollzeitschreiberling noch gezogen habe, fasse ich für Euch (und auch für mich) einmal zusammen. Vielleicht ist ja unter Euch der eine oder andere, der sich auch schon mal gefragt hat, ob so ein Redakteursjob nicht etwas für ihn oder sie wäre…

1. Schreiben macht mir auch Spaß, wenn ich mir das Thema nicht selbst aussuchen kann

Das Wichtigste zuerst: Schreiben macht mir auch beruflich Spaß. Puh, Glück gehabt. Es macht mir Spaß, jeden Tag acht Stunden nach passenden Themen und den richtigen Formulierungen zu suchen. Die Inhalte, über die ich schreibe, sind vielfältig, weil ich für Kunden aus den verschiedensten Bereichen schreibe: Technik, Lebensmittel, Einrichtungsgegenstände, Kosmetik und und und. Auch die Zielgruppen, die angesprochen werden sollen, unterscheiden sich deswegen natürlich stark: Neukunden, Bestandskunden, aktuelle und potentielle Mitarbeiter, anspruchsvolle Klientel, Klientel, die einfach unterhalten werden will, … Damit geht einher, dass das sprachliche Register von Projekt zu Projekt stark variieren kann. Es wird also nie langweilig.

2. Ich habe (fast) immer Lust darauf, zu schreiben.

Jeder von uns steht mal mit dem falschen Fuß auf und hat einen schlechten Tag. Das ist normal und auch ich habe solche Tage, an denen es gefühlt nicht gut läuft. Aber selbst dann bin ich normalerweise in der Lage, die anstehenden Schreibaufgaben zu bewältigen. Ich habe sehr, sehr selten komplette Schreibblockaden, sondern kann mich darauf verlassen, dass ich trotz schlechter Laune oder Pollenallergieflash (keine gute Zeit gerade…) dennoch etwas aufs digitale Papier bringe. Auch wenn Zeitdruck gewiss nicht mein Freund ist und mir auch – anders als vielen anderen Menschen – keinen Kreativitätsschub gibt (ich glaube daran, dass gute Ideen reifen müssen), bekomme ich es im Normalfall hin, auch kurzfristig gesetzte Deadlines einzuhalten. Tatsächlich habe ich festgestellt, dass die Tageszeiten keine große Auswirkung auf meine Schreibproduktivität haben: Ich kann früh morgens genauso gut schreiben wie direkt nach dem Mittag oder am späteren Nachmittag. Nur der Abend ist nicht meine Zeit.

3. Vorbereitung und Recherche sind das A und O

Jedes Mal, wenn ich ein Projekt neu übernehme, fühle ich mich kurz überfordert, weil es im Normalfall wieder ein völlig neues und unbekanntes Thema mit sich bringt, in das ich mich erst einmal eindenken und einarbeiten muss. Je technischer dieses Thema ist, desto schwieriger und langwieriger gestaltet sich das natürlich, denn mein Bildungshintergrund ist eben ein geisteswissenschaftlicher. Dennoch habe ich festgestellt, dass es im Normalfall möglich ist, mit ein, zwei, drei Stunden Recherche einen ganz guten Gesamtüberblick über ein Thema zu erlangen. Das Detailwissen kommt dann im Laufe der Zeit fast von selbst hinzu. Wie so oft gilt auch hier die Regel: Einfach erstmal anfangen.

4. Ich mag es, verschiedene Textsorten zu schreiben

Oben schrieb ich bereits, dass ich vor allem für Facebook texte. Das macht Spaß, weil bei Facebook inzwischen verschiedene Beitragsarten möglich sind und man nach Veröffentlichung auch eine direkte Rückmeldung bekommt, wie der entsprechende Text/Beitrag ankommt (Likes, Kommentare, geteilte Inhalte). Nichtsdestotrotz finde ich es spannend, für andere Netzwerke zu schreiben. Instagram lebt eher von hochwertigen Bildern und weniger vom Text, was es für mich nicht ganz sooo spannend macht. Bei Xing und Unternehmensblogs sieht das schon anders aus. Gerade so ein Blogartikel ist für mich eine gute Abwechslung und die Chance, einmal wirklich zwei Stunden an einem längeren Text zu feilen. Für Print schreibe ich kaum, aber wenn, dann empfinde ich das ebenfalls als spannend – vor allem, weil dabei ein haptisches Endprodukt entsteht.

5. Ich bin kein visueller Mensch, würde aber gern mehr über Grafikdesign lernen

Ich bin textfixiert. Aber so richtig. Selbst bei Instagram interessieren mich die Texte zu den Bildern meistens mehr als die Bilder selbst. True Story. Damit stehe ich ziemlich allein da, denn gerade in den sozialen Netzwerken interessieren sich die meisten Nutzer vor allem für visuellen Content und lesen Texte nur, wenn sie das Thema wirklich brennend interessiert. Vor meinem jetzigen Job war mir gar nicht klar, dass ich so ticke. Jetzt gehört es aber zu meinen Aufgaben, dem Grafiker auch Bildvorschläge, GIF-Ideen o. ä. zu meinen Texten zu liefern. Das fiel mir am Anfang unglaublich schwer, inzwischen ist es etwas besser geworden. Einerseits habe ich ein Gespür dafür entwickelt, wie ein „gutes“ Bild aussieht, andererseits sieht der Grafiker meine Vorschläge auch wirklich nur noch als Vorschläge an. 😉 Der Bereich Grafik inklusive Photoshop ist definitiv einer, in dem ich mich gerne noch einmal weiterbilden würde. Eine grundlegende Unterweisung in Photoshop hatte ich schon, aber dieses Programm ist viel zu komplex, als dass es sich an einem Tag auch nur annähernd begreifen lässt.

6. Korrekte Rechtschreibung und Grammatik sind auch in der digitalisierten Welt wichtig

Kennenlernen oder kennen lernen? So weit oder soweit? Zuhause oder zu Hause? Die deutsche Sprache ist auch für mich bisweilen ein wahre Wundertüte, was Rechtschreibung und Grammatik angeht. Ich gehöre zu der Generation, die in der Grundschule noch teilweise nach alter Rechtschreibung unterrichtet wurde und die ihre restliche Schulzeit in der „alte Regel/neue Regel-Übergangszeit“ verbracht hat. So kommt es, dass die Duden-Seite zu einer meiner am häufigsten aufgerufenen gehört, denn auch in den sozialen Netzwerken legen Kunden Wert darauf, dass auf ihren Präsenzen korrekte Texte veröffentlicht werden. Ich habe festgestellt, dass ich über Rechtschreibung wahrlich nicht alles weiß, dass das aber auch nicht schlimm ist. Es ist wichtig, überhaupt zu erkennen, dass mit diesem Wort oder jener Formulierung womöglich etwas nicht stimmt. Zweifeln ist wichtig, denn nur dadurch lassen sich Fehler ausmerzen.

7. Facebook ist eine Dauerbaustelle

„Ach Facebook!“ – Das ist wahrscheinlich einer der am meisten getätigten Ausrufe meinen Kollegen und mir. Denn Facebook ist eine riesige Dauerbaustelle. Funktionen kommen hinzu und verschwinden auf mysteriöse Weise wieder, nur um einige Tage später wieder verfügbar zu sein. Statistiken können manchmal abgerufen werden, manchmal nicht. Beiträge werden ohne erkennbaren Grund nicht veröffentlicht und Grafiken im falschen Format angezeigt. Jeden Tag gibt es irgendeine neue Absurdität, die alle, die damit arbeiten, zum Staunen oder Kopfschütteln bringt. Aber hey – wenigstens langweilig wird es nicht, denn man muss wirklich auf alles gefasst sein…

Mal schauen, welche Erkenntnisse mir die nächsten sechs Monate bringen – dann ist das nächste kleine Update zum Thema Schreiben als Beruf geplant. 🙂 Bis dahin berichtet mir doch gerne von Euren Erfahrungen, solltet Ihr beruflich auch mit dem Schreiben in Kontakt kommen. Gerne genommen werden übrigens auch Geschichten über die Wundertüte Facebook! 😉

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Geist ist geil! Warum die Arbeitswelt Geisteswissenschaftler braucht

Ich habe Geisteswissenschaften studiert. Genauer gesagt Germanistik und Romanistik (mit Schwerpunkt Spanisch). Wer diesen Blog schon länger verfolgt, hat auch meinen beruflichen Werdegang mitbekommen, der nicht ganz einfach war. Erst seit einigen Monaten bin ich auf einem Weg, der sich gut und richtig und so anfühlt, als sollte ich in diese Richtung weiterlaufen. Gefunden und bekommen habe ich meinen jetzigen Job durch drei Dinge: 1. eine freche Initiativbewerbung, 2. das Glück, dass eine Stelle frei, aber nicht ausgeschrieben war und 3. ein erfolgreiches Probearbeiten. Denn einen Geisteswissenschaftler einzustellen, ist für viele Unternehmen offenbar ein schwieriger Schritt, sodass sie sich absichern und den Bewerber erst einmal zu einem Probearbeiten einladen. Für mich war das kein Problem und völlig in Ordnung, denn – ohne jetzt arrogant klingen zu wollen – ich weiß, was ich kann und bin gerne bereit, das unter Beweis zu stellen. Andererseits schaue ich mir auch mit Interesse an, auf was ich mich einlasse und ein Probearbeiten bietet die aufschlussreiche Möglichkeit, ein Unternehmen „von innen“ zu erleben.

Dennoch kann ich mich der Ungerechtigkeit einer solchen Haltung Geisteswissenschaftlern gegenüber nicht ganz erwehren. Man stelle sich das Gesicht eines Ingenieurs oder Anwaltes vor, der erst einmal zwei Tage kostenfrei zur Probe arbeiten soll – und zwar nicht, um zu sehen, ob er oder sie ins Team und das Arbeitsumfeld passt, sondern um sich von seinem fachlichen Können zu überzeugen. Sie würden wahrscheinlich laut lachend den Raum verlassen und eines ihrer anderen zahllosen Jobangebote annehmen. Woher aber stammen nun diese Zweifel Geisteswissenschaftlern gegenüber?

Der geisteswissenschaftliche Absolvent, das unbekannte Wesen

Für mich liegt der Schlüssel darin, dass Unternehmer und Personalverantwortliche, die keinen geisteswissenschaftlichen Bildungsweg durchlebt haben, sich schlecht vorstellen können, was ein solches Studium beinhaltet und welche Qualifikationen (hard skills und soft skills) ein Bewerber mit einem Abschluss in Anglistik, Philosophie oder Ethnologie mitbringt. Wenn ich als studierte Germanistin zum Beispiel zugebe, die Rechtschreibregeln nicht 1:1 herunterbeten zu können und hin und wieder bei einigen Wörtern zu zweifeln, ernte ich nicht selten „Aber was hast du dann im Studium überhaupt gelernt“-Blicke. Ebenso wenn ich antworte, nicht jedes Werk von Goethe oder Kafka oder Mann gelesen zu haben. Die Gesellschaft denkt ganz offenbar, philologische Studiengänge wären Fortsetzungen des Deutsch- oder Fremdsprachenunterrichts aus der Schule.

Und man kann es ihnen noch nicht einmal verübeln, denn woher sollen sie wissen, dass dem nicht so ist? Schließlich entschließt sich ein nicht kleiner Teil der Absolventen geisteswissenschaftlicher Fächer für die Lehrerlaufbahn. Der Rest macht sich auf ins echte Leben (sorry lieber Lehrer, dieser kleine Seitenhieb aufs Beamtentum musste sein…), arbeitet als Angestellter in einer Firma, macht sich selbstständig oder einen Namen als Freiberufler. Der Weg dahin kann steinig sein, denn gerade auf der Suche nach einem Job als Angestellter gilt es, den Chef oder Personalverantwortlichen vom eigenen Können zu überzeugen – und zwar so sehr, dass er oder sie den Bewerber TROTZ des vermeintlichen Mankos „geisteswissenschaftlicher Abschluss“ zum Gespräch einlädt. Jeder weiß schließlich, dass diese Hürde die größte ist: Für einen Job, den vielleicht auch jemand mit einem nicht-geisteswissenschaftlichen Hintergrund machen könnte, in die engere Wahl zu kommen. Ich spreche hier vor allem von Stellen in den Bereichen Projektmanagement/Kulturmanagement/Medien, aber natürlich auch solchen in noch weiter vom Studienfach entfernten Tätigkeitsfeldern wie Verwaltung, Personalwesen, o. ä.. Einem BWLer werden Aufgaben wie Kundenkommunikation oder Prozessoptimierung ohne Weiteres zugetraut, obwohl sie ebensowenig mit Inhalten aus seinem Studium zu tun haben wie mit denen eines Geisteswissenschaftlers. Der BWLer gilt gesellschaftlich allerdings als Allrounder, der diese Dinge schnell lernen kann. Dass der durchschnittliche Geisteswissenschaftler dazu genauso, in manchem Fall vielleicht sogar besser in der Lage wäre, steht leider oft nicht zur Diskussion. Schade, denn ich bin der festen Überzeugung, dass Geisteswissenschaftler in vielen Berufszweigen hervorragend zurechtkommen und eine Bereicherung für Firmen sind. Warum? Das habe ich einmal zusammengefasst:

Sechs Gründe, warum Geisteswissenschaftler eine Bereicherung für jedes Unternehmen sind

1. Ihr Fachwissen

Bevor es um die soft skills gehen soll, die Geisteswissenschaftlern völlig zurecht nachgesagt werden, soll hier nicht vergessen werden, dass auch in einem philologischen oder sozialwissenschaftlichen Studium jede Menge Faktenwissen auf dem Lehrplan steht. Anderes als in klassischen Auswendiglern-Studiengängen, aber dennoch solches, das sich „überprüfen“ lässt. Wie war das genau mit dem Dreißigjährigen Krieg oder der Kubakrise? Frag den Historiker. Welche lexikalischen Unterschiede gibt es zwischen britischem und amerikanischem Englisch? Die Anglistin kann helfen. Welcher Zusammenhang besteht zwischen Elternhaus und Bildungsabschluss? Der Soziologe weiß es. Warum können Portugiesen Spanier leichter verstehen als Spanier Portugiesen? Die Romanistin erklärt es. Auf den ersten Blick mögen solche Fragestellungen nach Spezialwissen klingen, das im Arbeitsalltag eines (mittelständischen) Unternehmens wenig gefragt ist. Aber für Firmen, die Geschäftsbeziehungen in verschiedene englischsprachige Länder unterhalten, mag oben genannte Frage über kurz oder lang relevant werden. Und so manchem Unternehmen war beim Start von Handelsbeziehungen nach Südamerika vielleicht gar nicht klar, dass der argentinische und der brasilianische Partner sich nicht problemlos verstehen können. Diese Beispiele zeigen, wie hilfreich solches Faktenwissen sein kann, um vor allem im Bereich Interkulturelle Kompetenz peinliche Fauxpas zu vermeiden.

2. Ihre Recherchekompetenz

Zig Hausarbeiten haben Spuren hinterlassen: Geisteswissenschaftler sind Meister darin, zu einem Thema umfassend zu recherchieren. Schon im Studium wurde ihnen eingetrichtert, nicht direkt dem ersten Sucherergebnis bei Google zu vertrauen, sondern jede gefundene Information sorgfältig inklusive ihrer Quelle zu archivieren und kritisch zu hinterfragen, ob es sich um eine vertrauensvolle Ressource handelt und die Information korrekt ist. Dafür nutzen sie sowohl digitale als auch analoge Quellen, denn Geisteswissenschaftler haben weder Angst vor dem Internet noch vor Bibliotheken. Auch mit Programmen zur Quellenverwaltung wie Citavi kommen sie hervorragend zurecht, sodass sie bereits nach kurzer Zeit eine umfassende digitale Bibliographie zum Recherchethema erstellt haben werden, egal ob es um romantische Lyrik, SEO-Optimierung oder Fragen zum europäischen Zoll geht.

3. Ihre Fähigkeit, sich selbstständig Wissen anzueignen

Die Seminarthemen im geisteswissenschaftlichen Studium sind breit gefächert. Ich habe mich im Germanistikstudium genauso mit Michel Foucault beschäftigt wie mit plattdeutschen Varietäten in Schleswig-Holstein und mittelhochdeutschen Minnegesängen. Die Referats- und Hausarbeitsthemen waren oft noch wesentlich spezieller, sodass es vonnöten war, sich möglichst schnell möglichst intensiv selbstständig (!) in ein Themenfeld einzuarbeiten. Gerade wenn das Thema selbstgewählt war, hat mir das immer viel Spaß gemacht und ich profitiere noch heute davon, dass ich im Studium viel Literatur sichten, bewerten und durcharbeiten musste. Man mag es selektives Lesen oder Querlesen nennen, aber normalerweise kann ich bereits nach wenigen Sekunden entscheiden, ob ein Text für meine aktuelle Aufgabe relevant ist. Und ist er es, extrahiere ich in kurzer Zeit die wichtigen Infos, um sie meiner Wissenssammlung über ebenjenes Thema hinzuzufügen. Gerade in Berufen, die Textproduktionsaufgaben umfassen, ist diese Kompetenz enorm wichtig, um sich nicht zu verzetteln und sich in angemessener Zeit ein Thema selbstständig zu erschließen.

Geist is geil 2
Geisteswissenschaftler @work (Symbolbild)

4. Ihr kritischer Blick

Zu Grund Nummer 2 und 3 gesellt sich noch ein weiterer aus dem Bereich „Recherche unf Information“, der Geisteswissenschaftler zu nützlichen, aber anfangs vielleicht auch, nun ja, unorthodoxen Arbeitnehmern macht. Ich spreche hier von ihrer Kompetenz, Fragen zu stellen bzw. Informationen, Aufgaben und Abläufe zu hinterfragen. Im Studium darauf getrimmt, Quellen nicht blauäugig zu vertrauen und den eigenen Verstand zu benutzen, eigene Fragestellungen zu entwickeln, eigene Rückschlüsse zu ziehen, werden sich Geisteswissenschaftler schwer tun, Aufgaben einfach abzuarbeiten, wenn sich deren Sinnhaftigkeit nicht erschließt. Sie tun dies nicht, um Kollegen oder Vorgesetzte zu nerven, sondern weil es ihnen in Fleisch und Blut übergegangen ist, nichts als unumstößlich hinzunehmen. Das kann gerade für Unternehmen, die recht festgefahrene Prozessstrukturen aufweisen, anstrengend, aber auch äußerst gewinnbringend sein. Veränderung beginnt ja stets im Kleinen und wenn es zunächst nur minimale Verschiebungen bei Zuständigkeiten o. ä. sind. Dabei haben Geisteswissenschaftler garantiert nicht immer die perfekte Lösung parat, sind aber im Normalfall gerne bereit, Neues auszuprobieren – und sich auch eines Besseren belehren zu lassen, sollte der von ihnen vorgeschlagene Weg nicht funktionieren.

5. Ihre Liebe zum geschriebenen Wort

Okay, ich gebe zu: Diese Liebe trifft man besonders bei Philologen an. Die meisten von ihnen lesen gerne, haben immer gerne gelesen und im Laufe des Studiums jede Menge Erfahrungen mit der Erstellung formeller Texte gemacht. Den einen liegt der sachliche Schreibstil mehr, den anderen weniger, aber alle haben sich daran versucht. Und diese jahrelange Beschäftigung mit dem Schreiben, dem eigenen Schreibstil und der Problematik, komplexe Zusammenhänge möglichst verständlich, gut lesbar sowie sprachlich und stilistisch korrekt zu Papier zu bringen, hinterlässt ihre Spuren. Warum also so jemanden nicht in der Unternehmenskommunikation einsetzen? Wer Derridas‘ Dekonstruktion erklären kann, kann auch einem Kunden die Vor- und Nachteile verschiedener Rohre, IT-Programme oder Automodelle erörtern.

6. Ihre interkulturelle Kompetenz

Auch hier sind die Philologen natürlich die Vorreiter, aber auch Ethnologen, Politikwissenschaftler, Soziologen oder Pädagogen beschäftigen sich im Studium (mal mehr, mal weniger) mit den Themen Kultur und Gesellschaft. Zudem sammelt ein Großteil der Geisteswissenschaftler während des Studiums Auslandserfahrung: Denke ich an mein Spanischstudium zurück, fällt mir spontan niemand ein, der nicht mindestens ein halbes Jahr im spanischsprachigen Ausland verbracht hat. Neben den Sprachkenntnissen ist so ein Aufenthalt vor allem auch eine wichtige Lektion in Sachen Toleranz und sorgt dafür, die eigene Kultur zu reflektieren. Einen echten Einblick in ein Land erhält man eben nur, wenn man einmal dort gelebt hat. Ich würde zum Beispiel niemals versuchen, in einer spanischen Firma jemanden zwischen 14 und 17 Uhr zu erreichen und mich dann den ganzen Tag darüber ärgern, dass niemand ans Telefon geht. Nur weil wir unser Mittagessen in einer halben Stunde hinunterschlingen und um halb fünf gestresst aus dem Büro stürmen, muss der Rest der Welt das ja nicht genauso machen.

Geist ist geil – aber das muss auch kommuniziert werden!

Geisteswissenschaftler haben der Arbeitswelt viel zu bieten. Ihr größtes Problem ist und bleibt jedoch, dass vielen Unternehmen das (schuldlos) nicht klar ist. Darum gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit für uns Geisteswissenschaftler, das zu ändern: Wir müssen uns sichtbar machen und Gehör verschaffen! In der Arbeitswelt wartet niemand auf uns, die speziell für uns ausgeschriebenen Stellen sind rar. Also heißt es: Nach Alternativen suchen, sich initiativ bewerben und – am allerwichtigsten! – sich nicht selbst kleinmachen. Jeder Personalverantwortliche erkennt eine unsichere Bewerbung auf den ersten Blick. Ein bisschen Größenwahn schadet im Bewerbungszirkus darum nicht. Die Traumfirma sucht eigentlich einen BWLer fürs Marketing? Mache dir Gedanken, warum sie lieber dich einstellen sollten und schreibe genau das in deine Bewerbung! Im Projektmanagement wird ein Wirtschaftsinformatiker gesucht? Lege dar, warum du als Medienwissenschaftler viel besser geeignet bist! Die NGO braucht einen Politikwissenschaftler? Sammle Argumente, warum sie mit dir als Philosophen oder Pädagogen besser bedient wäre!

Auch mich hat diese Art, Bewerbungen zu schreiben, einiges an Überwindung gekostet. Vielleicht ist das ein Frauenproblem: Wir machen uns gerne klein, zweifeln an uns und finden es fast unverschämt, uns auf Stellen zu bewerben, auf deren Profil wir vielleicht nur zu 50 Prozent passen. Gerade als Geisteswissenschaftlerinnen können wir uns diese Form der Schüchternheit aber überhaupt nicht leisten. Denn mal im Ernst: Kann sich nicht jedes Unternehmen glücklich schätzen, eine ungewöhnliche und klug durchdachte Bewerbung zu erhalten? Standard kann ja jeder.

Seid Ihr Soziologe, Slawistin, Vergleichender Literaturwissenschaftler oder anderweitig geisteswissenschaftlich geprägt? Welche Erfahrungen habt Ihr in der Arbeitswelt gemacht? Und wenn Ihr aus einem ganz anderen Berufszweig kommt: Gibt es in Eurem Unternehmen Geisteswissenschaftler? Ich bin sehr gespannt auf Eure Erfahrungen und Geschichten zu diesem Thema!

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Wenn das Hobby zum Beruf wird – Chancen und Risiken

Ich habe als Kind Blockflöte gespielt. Ich habe auch im Schulchor gesungen und an den Wochenenden viel gelesen (Bücher, kaum Zeitschriften). Auf die Idee, auch mal selbst etwas Lesenswertes zu produzieren, bin ich dabei komischerweise nicht gekommen, trotz guter Deutschnoten. Sport war nie mein Ding, was nicht verwunderlich ist, wenn man sich allein meine Tollpatschigkeit im Alltag anschaut. Man stelle sich vor, welchen Schaden ich mir und anderen beim Volleyball, Hockey oder Skifahren hätte zufügen können (Das mit dem Skifahren ist übrigens ein Scherz, komme ich doch aus dem Bundesland, dessen höchste Erhebung ein Berg mit sagenhaften 167 Metern Höhe ist). Auch Basteln – das erwähnte ich schon einmal – fand ich langweilig früher, ebenso wie alles rund um die Themen Kochen, Backen, Gärtnern etc..

Schaue ich mir heute an, was ich gerne in meiner Freizeit mache, spielt die Blockflöte schon lange keine Rolle mehr. Ich schreibe jetzt, lese dafür aber deutlich weniger. Ich häkele jetzt und werde hoffentlich irgendwann in näherer Zeit auch dazu kommen, meine Nähmaschine in Betrieb zu nehmen. Ich spiele zwar immer noch kein Volleyball, habe aber Gefallen daran gefunden, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren und mag es auch, abends eine kleine Runde Yoga im heimischen Wohnzimmer einzulegen. Kochen kann ich nach wie vor nicht, aber backen tue ich ab und an gern und studiere inzwischen auch mit Interesse die Fachzeitschriften des Herrn Kochs zu den Themen Gastronomie und Garten.

Lange Rede, kurzer Sinn: Meine Interessen haben sich in den letzten Jahren verändert – und zwar deutlich. Das mag verschiedene Gründe haben. DIY ist in, vielleicht habe ich deswegen mit dem Häkeln angefangen; der Herr Koch ist in mein Leben getreten, vielleicht lese ich deswegen nun den Feinschmecker und nicht mehr Goethe; ich fahre nicht gerne Auto, vielleicht nehme ich deswegen das Fahrrad.

Veränderung ist gut, bedeutet sie doch Fortschritt, Weiterentwicklung, vielleicht sogar Neuanfang. Das gilt für Hobbies genauso wie für den Beruf. Schon vor ein paar Wochen schrieb ich darüber, welche Hürden bisweilen genommen werden müssen, wenn es gilt, sich für einen Beruf zu entscheiden und dass diese Entscheidung manchmal revidiert werden muss. Und in solchen Fällen stellt sich nicht selten die Frage:

Warum mache ich eigentlich mein Hobby nicht zum Beruf?

Die Dinge, die wir gern machen, machen wir meistens auch gut. Und die Dinge, die wir gern tun, können wir im Normalfall auch gut – entweder weil wir dafür Talent mitbringen oder weil wir sie schon lange machen und viel Erfahrung mit ihnen haben (Ausnahmen bestätigen die Regel). Es gibt nicht umsonst einen Zusammenhang zwischen Können und Interesse – Motivation ist hier das Zauberwort. Warum also diese Motivation nicht einsetzen und das Hobby zum Beruf machen? Gibt es etwas Schöneres, als sich den ganzen Tag einer Sache zu widmen, die man gern tut? Kaum. Es sieht also nach einer win-win-Situation aus, wenn aus der Freizeitbeschäftigung ein Beruf wird. Leider gibt es aber nicht zu unterschätzende Probleme, die dabei auftreten können.

Vom Hobby zum Beruf – die Risiken nicht unterschätzen!

Ich möchte die Risiken an einem Beispiel verdeutlichen. Kennt ihr diese Koch-Coaching-Sendungen im Fernsehen? Rosins Restaurant oder Die Kochprofis sind wohl die bekanntesten Formate, in denen überforderte Gastronomen, die nicht selten vor dem Ruin stehen, Hilfe von Profiköchen bekommen. Die häufigsten Gründe, warum die Restaurants nicht gut laufen, sind folgende:

  1. Fehlende Ausbildung der Besitzer: Oft sind es Nicht-Gastronomen ohne Erfahrung in der Branche, die ihr Hobby (Kochen) zum Beruf machen wollten.
  2. Selbstüberschätzung: Ebenso oft treten dort Restaurantbesitzer auf, die sich selbst, ihre Kenntnisse oder ihren finanziellen Spielraum gnadenlos über- und den Arbeitsaufwand unterschätzt haben.
  3. Fehlende Trennung Beruf – Privatleben: Wird das Hobby zum Beruf, geschieht das oft über den Weg der Selbstständigkeit. Die fehlende Trennung von Beruf und Privatleben provoziert ungeahnte Probleme.
  4. Frustration: Wenn die richtig gute Hobbyköchin, die nur Lob aus dem Freundeskreis gewohnt ist, an den Ansprüchen einer Restaurantküche scheitert, ist Frustration vorprogrammiert – und aus dem geliebten Hobby wird schnell ein Alptraum.

Diese Beispiel verdeutlicht gut, wenn auch recht extrem, was passieren kann, wenn das Hobby zum Beruf wird: Fehlende Fachkenntnisse machen den Einstieg in die neue Branche schwierig; überbordende Motivation führt zu gnadenloser Selbstüberschätzung; dazu kommen private Probleme und Frustration, sollte das Hobby sich als Alptraumberuf entpuppen. Natürlich gibt es gerade in der Gastronomie auch jede Menge Gegenbeispiele, in denen ungelernte Hobbyköche oder -bäcker sehr erfolgreich sind. Meist steckt dahinter dann aber ein ausgeklügeltes Konzept, ein guter Businessplan inklusive solidem finanziellem Polster, viel Arbeit – und auch eine große Portion Glück.

Den Sprung wagen – Ja oder nein?

Es gibt also gute Gründe, die dagegen sprechen, sein Hobby zum Beruf zu machen. Allerdings ist der Grund, der dafür spricht – das Interesse, die Motivation – nicht minder gewichtig. Ich behaupte, dass Menschen, die ihren Beruf gern machen, ihn 1. besser machen als solche, die ihn nicht mögen und 2. aus dieser Zufriedenheit auch eine Grundzufriedenheit mit ihrem Leben ziehen. Nicht umsonst definieren wir uns in unserer Gesellschaft so sehr über den Beruf. Ob aus dem Hobby ein Beruf werden kann, ist daher eine sehr individuelle Entscheidung, die von vielen Faktoren abhängt – nicht zuletzt auch von der vorangegangenen beruflichen Ausbildung und der finanziellen Situation. Habe ich einen Beruf erlernt, der mir Kenntnisse eingebracht hat, die in vielen Branchen nützlich sind (etwas Kaufmännisches zum Beispiel), wird mir ein Wechsel wahrscheinlich leichter fallen als wenn ich einen sehr speziellen Berufsweg, etwa einen künstlerischen, eingeschlagen habe. Ganz entscheidend ist auch die Frage, ob eine weitere Ausbildung, Fortbildung, Weiterbildung für den Wechsel sinnvoll oder gar nötig ist und ob ich mir diese finanziell überhaupt leisten kann – und will. Wird das Hobby zum Beruf ist das höchstwahrscheinlich mit einiger finanzieller Unsicherheit verbunden. Auch das muss man aushalten können.

Ich hatte das große Glück, dass es bei mir gut und fast reibungslos geklappt hat, mein Hobby (das Schreiben) zum Beruf zu machen. Machmal kann ich selbst nicht glauben, wie reibungslos. Einerseits liegt das natürlich daran, dass ich in eine Branche gewechselt bin, die sehr freundlich mit Quereinsteigern umgeht; andererseits auch daran, dass ich eine Ausbildung in dem Bereich habe (geisteswissenschaftliches Studium). All das muss aber nichts heißen – ich könnte heute genauso gut arbeitslos sein oder einem Aushilfsjob nachgehen. Da ich im vergangenen Jahr allerdings gemerkt habe, dass es mir wichtig ist, einen Beruf zu haben, der zu meinen Interessen passt und mich erfüllt, wäre es auch in Ordnung, wenn ich jetzt noch auf der Suche wäre. Denn wer suchet, der findet – oder?

Ist euer Hobby auch gleichzeitig Euer Beruf oder habt Ihr gar Euer Hobby zum Beruf gemacht? Wie wichtig ist Euch Spaß bei der Arbeit? Und haben sich Eure Interessen im Laufe des Lebens auch so stark verändert wie meine? Ich bin gespannt auf Eure Erfahrungen!  

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Die Qual der Wahl – Warum es so schwierig ist, den richtigen Beruf zu finden

„Und, was willst du mal werden?“

Meist hören Kinder diesen Satz bereits im Grundschulalter von irgendeinem übereifrigen Bekannten oder Verwandten das erste Mal. Während in diesem Alter noch so gut wie jede Antwort („Feuerwehrmann!“ „Prinzessin!“ „Astronautin!“ „Filmstar!“) wohlwollend lächelnd akzeptiert wird, ändert sich dieser Umstand nur wenige Jahre später schlagartig. Nach neun, zehn, zwölf oder gar 13 Jahren Schule wird das eifrige Kind ja wohl herausgefunden haben, was es mit dem Rest seines Leben anstellen will. Immerhin gab es ja auch ein, zwei Praktika und mindestens drei Tage Berufsorientierung in der Schule, um sich auszuprobieren.

Die gesellschaftliche Erwartung ist hoch

Diese Darstellung der gesellschaftlichen Erwartungshaltung ist sicherlich überspitzt, aber wie so oft steckt eben doch ein Funken Wahrheit dahinter. Denn in unserer Gesellschaft gilt immer noch (oder vielleicht auch mehr denn je): Du bist, was du arbeitest. Und arbeitest du nicht oder nichts „Anständiges“, bist du auch nichts. In dieser Erwachsenwelt, der ich nun schon gute zehn Jahre angehöre und die ich nach wie vor recht anstrengend und bisweilen überfordernd finde, kommt das Gespräch meist sehr schnell auf das Thema Arbeit. Und muss man dann eingestehen, dass man sich gerade umorientiert, dass man den Traumberuf noch nicht gefunden hat, erntet man nicht selten betretenes Schweigen oder halbherzige „Oh, das ist ja cool.“-Antworten. Unser Beruf definiert uns, zeigt anderen, was uns wichtig ist und auf welchem Gebiet wir Experten sind.

Aber kommen wir zurück zum glücklichen (Bald-)Schulabgänger, der sich nun aus einem Wust an Ausbildungen und Studienmöglichkeiten die richtige aussuchen und damit glücklich werden soll. Dabei gibt es natürlich zig mehr oder wenige nützliche Berater: Familie, Freunde, Lehrer, Berufswahltests, … Jeder hat seine eigene Meinung über den richtigen Weg. Eine Ausbildung machen, weil man sofort Geld verdient und das etwas „Handfestes“ ist? Studieren, weil Akademiker im Durchschnitt mehr verdienen? Oder beides in einem dualen Studium vereinen? Allein die Frage nach der Ausbildungsform kann nervenaufreibend sein – und da ist die inhaltliche Entscheidung noch gar nicht getroffen. Nie gab es mehr Ausbildungsberufe als heute. Nie war die Vielfalt an Studiengängen an Universitäten, Fachhochschulen und privaten Hochschulen größer. Inzwischen kann man Friedensforschung studieren oder Nanotechnologie oder Gerontologie. Wohl dem, der schon immer Arzt oder Lehrer werden wollte und sich mit dieser inhaltlichen Entscheidung nicht befassen muss.

Drei Berufswahl-Typen

Ich vertrete ja – nach eingehender Forschung zu diesem Thema in meinem Umfeld – die These, dass es bei der Berufswahl drei Typen gibt:

  1. Diejenigen, die schon immer einen bestimmten Beruf im Blick hatten, diesen dann ergreifen und damit glücklich werden. Der Herr Koch ist ein exzellentes Beispiel dafür, denn für ihn gab es nie, wirklich nie, einen anderen konkreten Berufswunsch.
  2. Diejenigen, die nicht wissen, was sie werden wollen, und dann durch Zufall in irgendeinem Beruf landen. Weil Papa das auch macht, weil sich in der Firma in der Nebenstraße eine Chance bot oder weil die Uni in der Nachbarstadt eine Zusage für BWL geschickt hat. Es erstaunt mich immer wieder, wie erfolgreich diese Variante ist; ich könnte zig Beispiele aus meinem Bekanntenkreis dafür nennen.
  3. Diejenigen, die nicht wissen, was sie werden wollen und eigentlich nur auf der Suche sind nach etwas, das sie gerne tun und das sie glücklich macht. Menschen dieses Typs haben es am Schwersten, denn oft sind sie Grübler, vielleicht sogar Zweifler, und fragen sich, ob er das jetzt wirklich ist, ihr Beruf. Sie brauchen vermutlich etwas länger, um dort anzukommen, wo Typ 1 und 2 recht fix landen. Ganz offensichtlich bin ich Typ 3.

Mir macht es inzwischen rein gar nichts mehr aus, Typ 3 zu sein. Ich habe schon viel gemacht, einiges gesehen und in jeder Berufsstation etwas gelernt – und sei es, dass es dieser Beruf eben nicht ist. Scheitern als Chance ist auch bei der Beurfswahl kein schlechter Ansatz, denn gerade in Krisen besinnen wir uns doch darauf, was uns wirklich wichtig ist. Denkt man diesen Ansatz weiter, eröffnen sich vielleicht, nein ganz bestimmt, neue berufliche Ideen. Ich hätte nie das Schreiben zum Beruf gemacht, wenn ich nicht so furchtbar ungerne Lehrerin gewesen wäre. Danach gab es für mich keine Alternative mehr: Ich musste einen Beruf ergreifen, bei dem ich den ganzen Tag in die (Computer-)Tasten hauen kann. Dass diese Umorientierung Hindernisse aufwirft, dass man viel Neues lernen muss und darf und auch nach Wochen und Monaten noch Fragen auftauchen, für deren Beantwortung man Hilfe braucht, gehört dazu. Wichtig ist das Gefühl, richtig zu sein. Falls man nicht weiß, ob man richtig ist, stelle man sich Folgendes vor:

Ein Fahrt im Zug, der Sitznachbar ist ein angenehmer Gesprächspartner – bis zur unvermeindlichen Frage nach dem Beruf. Wie antwortet man nun darauf?

  • Mit einem Lächeln und begeisterten Erzählungen? Mit Geschichten und Anekdoten aus der Firma und dem Alltag? Mit detaillierten Beschreibungen, bei denen die Augen leuchten?
  • Oder nur kurz und knapp mit drei Worten, um die Frage direkt wieder zurückzugeben und das Gespräch auf den Beruf des Gesprächspartners zu lenken?

„Mach doch, was Du willst!“

Dass nicht jeder Arbeitstag toll sein kann, spielt keine Rolle. Auch der Traumberuf macht nicht immer Spaß. Das Gegenüber merkt es trotzdem sofort, ob der Gesprächspartner seinen Beruf gerne macht oder nicht. Ich konnte nie mit Begeisterung erzählen, dass ich Lehrerin bin. Inzwischen kann ich so über meinen Beruf sprechen. Deshalb plädiere ich nach wie vor aufs Schärfste dafür, bei der Berufswahl den eigenen Interessen zu folgen. Dass sich diese mit 18 noch nicht komplett gezeigt haben, ist völlig klar. Es ist keine Schande, sich nach einer Ausbildung, dem Studium oder dem ersten Job noch einmal umzuorientieren. Die Pädagogische Psychologie lehrt uns, dass der Charakter eines Menschen sich bis zum 30. Lebensjahr noch in der Entwicklung befindet. Mit 15, 16 oder 18 eine Entscheidung für einen Beruf treffen zu müssen, ist eine Notwendigkeit. Es sollte aber okay sein, diese Notwendigkeit in den Zwanzigern (oder meinetwegen auch deutlich später) noch einmal zu überdenken und gegebenenfalls anzupassen.

Welcher Berufswahltyp seid ihr? Ist Euch die Entscheidung für Euren Beruf leicht gefallen oder musstet Ihr auch ein bisschen suchen? Oder sucht Ihr vielleicht immer noch? Erzählt mir Eure Berufswahl-Geschichte!